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Mittwoch, 17. März 2010 - 09:04 Uhr von Kilian Kirchgeßner
Schadenfreude über die Krise

Die Statistik spricht eine eindeutige Sprache: Um etwa zehn Prozent sind die Besucherzahlen in Prag während eines Jahres zurückgegangen – brutal für eine Stadt, die in hohem Maße abhängig ist vom Tourismus und die bislang mit permanenten Wachstumsraten verwöhnt war. Seit den 90er Jahren sind jedes Jahr etliche neue Hotels eröffnet worden, allein im Luxus-Segment drängten innerhalb der vergangenen paar Jahre mehrere große Ketten nach Prag, von Kempinski über Rocco Forte bis zu Mandarin Oriental; zusätzlich zu den bestehenden Nobelhotels, versteht sich.


Der Zauber der Stadt erschien wie ein unerschöpfliches Kapital.


Wenn ich mit tschechischen Freunden spreche, können sich einige einer gewissen Schadenfreude über den momentanen Rückgang nicht erwehren. „Das kommt davon“, sagen sie dann – und erzählen von Vorfällen, in denen sie sich für ihre Stadt schämen. Dabei geht es nicht nur um die berüchtigten Taxifahrer, die für eine Kurzstrecke schon einmal 50 Euro abzocken. Es geht nicht nur um die Restaurants, die mit unsäglichem Service und schlechtem Essen nur auf eine völlig überzogene Rechnung hinarbeiten. Es geht auch um die immer neuen Tricks.


Mir erzählte ein Freund von den Ticket-Kontrolleuren am Flughafen. Kaum sei ein Bus mit neu gelandeten Passagieren ein paar Meter in Richtung Innenstadt angerollt, schon sprängen die Kontrolleure auf die vorzugsweise asiatischen Gäste, die übermüdet vom stundenlangen Flug noch nach dem Ticket-Entwerter suchen. Auf unflätigste Weise hätten die Kontrolleure die Touristen angeschrien, von jedem horrende Strafen verlangt, weil sie ohne gültigen Fahrschein unterwegs seien – und sich nicht einmal vom Protest einiger einheimischer Fahrgäste mäßigen lassen.


Prag, so schien es lange Zeit, könne sich alles erlauben. Gerade muss die Tourismusindustrie lernen, dass das nicht ganz stimmt. Manchmal kann ich die Schadenfreude meiner tschechischen Freunde gut verstehen – schließlich ist sie getragen von der Hoffnung, dass sich zumindest unter Druck endlich etwas bessert.

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