Mittwoch, 10. März 2010 - 06:27 Uhr
Punjabi als Olympia-Sprache
  von Markus Gärtner [E-Mail]

Die Winterspiele sind beendet und viele hier in Vancouver sind trotz der tollen Party froh, dass wieder Ruhe in die Stadt am Pazifik eingekehrt ist.

Ich erinnere mich beim Schreiben dieses Blogeintrags an den Besuch eines Partyzeltes im Stadtteil Surrey während der Spiele. Für die Kinder war eine Rutschbahn aufgebaut, die Bundespolizei hatte Pferde mitgebracht, das Maskottchen Sumi begeisterte die Kids. An einem eigens aufgestellten Viererbob standen die Kanadier geduldig 50 Minuten an, um ihre Familie in dem Eisflitzer abzulichten. Auf der Bühne hüpften kleine Mädchen einer indischen Tanzschule in bunten Gewändern. Aus den Lautsprechern dröhnten Ansagen in Punjabi, dazu Musik vom Subkontinent.

Indischer Flair bei Olympia in Kanada - eigentlich nichts Außergewöhnliches in einer Stadt, die stärker von ethnischen Asiaten geprägt wird als jede andere außerhalb Asiens. In meiner Nachbarschaft - 25 km östlich der Innenstadt, und meilenweit entfernt von der Chinatown - leben rechts neben uns Hong Kong-Chinesen, links ein vietnamesischer Juwelier, gegenüber vier koreanische Familien.

Vancouver ist Kanada im Extrem, was Einwanderung aus Asien angeht. Im Ahornland - so meldete heute die Statistikbehörde der Regierung im fernöstlichen Ottawa - wird bis 2031 jeder dritte Einwohner einer 'visible minority' angehören, einer ethnischen Gruppe der man ansieht,...[mehr]


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Montag, 08. März 2010 - 00:43 Uhr
Ich bin Brasilianerin, ich gebe nie auf
  von Christine Wollowski [E-Mail]

Am Sonntag kosten die Bustickets hier im Großraum Recife nur den halben Preis, deswegen ist Sonntag Volkswandertag. Die meisten fahren an den Strand, manche vergnügen sich auch in vollklimatisierten Shopping Malls. Es gibt noch eine dritte Gruppe, die jeden Sonntag unterwegs ist. Sie besteht vor allem aus Frauen. Mütter, Schwestern, Ehefrauen, die mit großen Picknicktaschen schon in aller Frühe aufbrechen: Sonntag ist Besuchstag in Pernambucos Gefängnissen.

Letztens bin ich mit gefahren. Weil mir eine Freundin so viele Geschichten erzählt hat. Von den Vier-Mann-Zellen, die mit 20 belegt sind, und den anderen, die auf den Fluren nächtigen müssen. Von den „Capos“, die Einzelzellen vermieten und anderen, die an Besuchstagen im Hof aus Bettlaken Zelte improvisieren, die ebenfalls vermietet werden. Wie einmal ein spielendes Kind ein solches Laken runtergezupft hat und dahinter ein splitterfasernacktes Paar gerade voll bei der Sache war – illegal, denn Intimbesuche sind nur mittwochs gestattet. Wie am Eingang die Besucherinnen sogar das Höschen runter lassen müssen, damit sie ja keine Drogen einschmuggeln, drinnen aber Crack-Steine offen über die Tische verschoben werden. Und dass auch nicht-verwandte Frauen besuchen dürfen.

Also bin ...[mehr]


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Samstag, 06. März 2010 - 10:05 Uhr
Geheime Chefsache
Abgelegt unter: Reporteralltag, REPORTERWELT  von Alexander Budde [E-Mail]

Neulich rief ich in Deutschland an, bei einer namhaften Umweltorganisation an der Ostseeküste. Ins Vorzimmer kam ich – trotz kryptischer Beschilderung der Zuständigkeiten im Internet - noch durch. Doch dann geriet die Kontaktanbahnung arg ins Stocken. Eine resolute Dame klärte mich auf:

 „Bedaure, der Chef ist in der Sitzung.“

„Aha, verständlich. Wie lange sitzt er denn?“

„Das sag ich Ihnen doch nicht!“.

„Ach so? Na, da könnten Sie ihm doch eine Notiz rein…“

„Nix da, wo denken Sie hin?! Schicken Sie ein Fax, da guckt er dann mal drauf bei Gelegenheit“.

„Faxen kann ich nicht. Aber mit dem Pressesprecher könnt ich doch …?“

„Der ist aus dem Haus.“

„Ein Handy wird er wohl haben?“

„Hat er. Aber ich weiß nicht, ob ich befugt bin, Ihnen die Nummer herauszugeben…“

„Oh, betrüblich. Und wer weiß, ob Sie befugt sind …?“

Und immer so weiter. Böse Erinnerungen werden wach an, an mühsame Lehr- und Wanderjahre in der Nachrichtenbranche: Abwimmeln, Verkomplizieren, Wichtigmachen und stundenlanges Nachbohren gehörten damals zum Tagesgeschäft. Man stand sich selbst im Weg. Im Norden sind sie lockerer.

Gestern rief ich beim Abgeordneten einer schwedischen Regierungspartei ...[mehr]


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Freitag, 05. März 2010 - 08:00 Uhr
Talk to me. Johanna!
  von Clemens Bomsdorf [E-Mail]

REYKJAVÍK. Immer wieder gerne schaue ich mir Peaches Video 'Talk to me' an - vor allem der energiegeladenen Musik und des exzellenten Clips wegen, doch auch der Text hat etwas.

Nun musste ich mal wieder dran denken. Denn wie viele andere nicht-isländische Kollegen auch, würde ich allzugerne einmal die isländische Ministerpräsidentin Johanna Sigurdardottir interviewen. In der Situation, in der sich ihr Land befindet, dürfte die Regierungschefin dem Ausland eigentlich einiges zu sagen haben, z.B. zu Icesave oder dem EU-Beitrittsgesuch.

Ihr Bedürfnis danach aber geht gegen Null. Im vergangenen Jahr habe ich mehrfach um ein Interview gebeten und stets (wenn überhaupt) eine Absage als Antwort erhalten. Anderen Journalisten erging es ähnlich. Einmal begegnete ich Sigurdardottir (hier in der FTD ein Porträt von mir über sie) live auf einer Pressekonferenz. Die an sie auf Englisch gerichtete Frage leitete sie ohne ein Wort an die Presse an ihren Stellvertreter Finanzminister Steingrimur Sigfusson weiter, der in gutem Englisch antwortete.

Nun ist es ein offenes Geheimnis, das Fremdsprachen gelinde ...[mehr]


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Donnerstag, 04. März 2010 - 08:00 Uhr
Ausgangssperre und Abaja zum Wahltag in Bagdad
Abgelegt unter: Alltag, Frauen, Irak, Reporteralltag  von Birgit Svensson [E-Mail]

An zwei Dinge kann ich mich nicht gewöhnen, obwohl ich schon seit fast sieben Jahren im Irak arbeite. Ausgangssperren und die schwarze islamische Kleidung sind mir nach wie vor ein Gräuel. Über vier Jahre lang herrschten in Bagdad permanente Sperrstunden, deren Anfang je nach Sicherheitslage nach hinten verschoben wurde. Sie begannen um 19 Uhr, 20 Uhr oder im besten Falle um 22 Uhr und galten immer bis morgens um sechs. Hinzu kamen monatelange Ausgangssperren am Freitag Vormittag. Man musste sich also immer informieren , wann man das Haus verlassen konnte, ob zu Fuß oder mit dem Auto. Irgendwann hatten die Bagdader entschieden, dass sie grundsätzlich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf die Straßen gingen. Die Stadt war am Abend ausgestorben. Totale Ausgangssperren jedoch waren das schlimmste. Sechs Millionen Menschen blieben dann tagelang vollkommen eingesperrt. Niemand durfte sich auf den Straßen blicken lassen, außer Soldaten, Panzern und Militärfahrzeugen. Bagdad wurde zum Gefängnis. Offiziell wurden die Ausgangssperren letztes Jahr aufgehoben, doch nach den schweren Terroranschlägen im November und Dezember gelten sie wieder ab Mitternacht. Fünf nach zwölf ist Bagdad tot. Zu den Wahlen am 7. März soll es nun auch tagsüber wieder ruhig sein. Die Regierung will ein Fahrverbot verhängen. Man diskutiert noch, ob diese Maßnahme nur einen oder gar zwei Tage vor dem Urnengang verhängt ...[mehr]


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Dienstag, 02. März 2010 - 00:12 Uhr
DER KAHLSCHLAG VON BELGRAD
Abgelegt unter: Alltag, Balkan, Europa, Serbien, Umwelt, Zukunft  von Danja Antonovic [E-Mail]

Belgrader längste Straße ist sieben Kilometer lang und  heißt Boulevard des König Alexander. Seit 90 Jahren ist der Boulevard die schönste Allee der Stadt. So lange säumten 500 dicke, schattenspendende Platanen die breite Straße. Bis gestern.

 

 

 

 

Die Stadtverwaltung, die jahrelang die Kronen der Bäume gekappt hat, („zu hoch, zu gewaltig“) hat im Zuge der Umgestaltung des Boulevards beschlossen die Platanen abzuholzen. Weil sie krank seien – so die Erklärung. Die Ursache: die vorherige, unsachgemässe Beschneidung der Kronen.

Die ...[mehr]


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Sonntag, 28. Februar 2010 - 15:27 Uhr
Der Auslandskorrespondent als Hochleistungssportler
Abgelegt unter: Afghanistan, Alltag, Europa, Islam, Krisen, Olympia 2008, Politik, Reporteralltag  von Kerstin Schweighöfer [E-Mail]

Normalerweise ziehe ich gut dreimal pro Woche beim Joggen meine Runden. Letzte Woche war es lediglich ein Spurt auf dem Rotterdamer Bahnsteig, um in allerletzter Sekunde doch noch den Zug nach Den Haag zu erwischen. Dennoch kam ich mir vor wie ein Hochleistungssportler - mit dem Unterschied, dass Auslandskorrespondenten Allrounder sein müssen und sich besser nicht spezialisieren sollten.

Das liegt nicht nur an Hollands Eislaufstar Sven Kramer, der in Vancouver bei den 10 Kilometern von seinem Trainer auf die falsche Bahn geleitet und disqualifiziert wurde, obwohl er Olympischen Rekord gelaufen war – ein menschlicher Fehler mit allen Ingredienzen einer griechischen Tragödie, die die gesamte Nation tagelang in Schockzustand versetzte. Jetzt lieben alle Kramer noch viel mehr als zuvor, denn der Sportler hat echte Grösse bewiesen und seinem Trainer verziehen.  

Für die Auslandskorrespondenten in den Niederlanden war dieser falsche Wechsel ein kurzer Zwischensprint, den wir unerwartet einlegen mussten - zwischen dem Platzen der Regierungskoalition, der am Wochenende zuvor die zweite Verlängerung der Afghanistanmission zum Verhängnis geworden war, und den Kommunalwahlen  am kommenden Mittwoch – beides eher mittellange Abstände.

 Die Afghanistanmission selbst hingegen beschäftigt uns schon seit Jahren und ist eher als Marathon einzustufen. Was auch für Geert Wilders gilt von der islamfeindlichen ...[mehr]


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Samstag, 27. Februar 2010 - 01:12 Uhr
Puschen und Bettdecken raus: Der Frühling kommt!
Abgelegt unter: China  von Christiane Kühl [E-Mail]

Das chinesische Neujahrsfest heißt auf Chinesisch \\\\\\\'Chunjie\\\\\\\': Frühlingsfest. Denn danach, so glauben viele Chinesen, beginnt unmittelbar der Frühling. Eine recht optimistische Annahme, denn das Fest liegt zwischen Ende Januar und Mitte Februar. Dieses Jahr aber scheinen zumindest die Shanghaier den Frühling herbeigeböllert zu haben. Noch bevor am Wochenende auf dem Laternenfest mit erneutem Großfeuerwerk die zweiwöchige Neujahrsperiode zu Ende geht, ist es warm geworden. Ganz plötzlich. Von 1 auf 22 Grad. Darauf reagieren die Shanghaier in den vielen Nebengassen und Wohnquartieren sofort: Sie stellen ihre Bettdecken und ihre traditionellen gestrickten Pantoffeln zum Lüften und Durchtrocknen auf die Straße, und reißen die Fenster auf. Ältere schieben Stühle in die Gassen und wärmen sich lächelnd in der Vorfrühlingssonne.

Denn der Winter hat es in sich: Nicht wegen der arktischen Temperaturen draußen, die selten unter den Gefrierpunkt ...[mehr]


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Freitag, 26. Februar 2010 - 05:30 Uhr
Im Zuckerland
Abgelegt unter: Alltag, Indonesien, Kultur  von Christina Schott [E-Mail]

Indonesier lieben es süß – zuckersüß sozusagen. Kaum ein Gericht oder Getränk ohne Zucker, sei es mit weißem, Roh- oder Palmzucker. Bestellt man seinen Kaffee oder Tee ohne Anmerkung, erhält man ihn in der Regel süß – nicht selten mit zwei bis drei Esslöffeln Zucker in einem großen Glas.

 

Schade eigentlich, denn viele Gegenden in Indonesien sind bekannt für ihren aromatischen Tee und Kaffee. Will man ein Getränk ohne Zucker muss man es dazu sagen. Aber selbst das reicht nicht immer aus. Als ich gestern Abend an einem Warung – so heißen hier die mobilen Straßenrestaurants – einen Tee bestellen wollte, habe ich wie üblich extra dazu gesagt, dass ich ihn bitte „bitter“ haben wolle. Wirklich nicht süß? Nein, wirklich nicht. Als der Tee kam, war er trotzdem ...[mehr]


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Donnerstag, 25. Februar 2010 - 23:22 Uhr
Sven Hassel. Auf englisch. In Russland.
  von Stefan Scholl [E-Mail]

Neulich habe ich danebengegriffen. In einem Moskauer Buchladen habe ich für umgerechnet 3 Euro Sven Hassel gekauft, auf englisch: „Wheels of terror“. Das Cover als Landserheft aufgemacht, aber immerhin steht hinten drauf: „He is a brilliant storyteller. The Washington Post“. Zwischen Cover und Buchrücken kämpfen Hassels Helden, eine Handvoll deutscher Strafbataillonskrieger an der wackelnden deutschen Ostfront, gegen Eis, Frost und „den Iwan“. Ganz harte Jungs, die Führer und Endsieg verlachen, Etappenhuren umlegen, Feldjäger zusammenschlagen oder durch die feindliche Linien robben, um die Bolschewisten zu schnappen, die gerade deutsche Kriegsgefangene kreuzigen. Hassels Deutsche sind brutal, aber geben sich politisch korrekt. Zwischen verzweifelten Rückzugsgefechten gegen die kleinen Sibirier mit den breiten Wangenknochen leisten die Knochenbrecher einer schwangeren Russin Geburtshilfe, ziemlich vergeblich, die Mutter stirbt, das Baby wird wenig später mit anderen Kindern von einem Artillerievolltreffer getötet.

Der Autor Hassel, Jahrgang 1917, ist Däne, hat nach eigenen Angaben in einem deutschen Strafbataillon an allen möglichen Weltkriegsfronten gekämpft. In Dänemark heißt es übrigens, er habe den gesamten Krieg dort als Nazihilfssoldat verbracht und seine Ostfrontdetails hinterher von dänischen SS-Ehemaligen aufgeschnappt. Dass Hassels Russen die Deutschen ...[mehr]


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