Mittwoch, 06. Februar 2008 - 06:51 Uhr
Marcus Bensmann: Respublika
Abgelegt unter: Marcus Bensmann von Martin Ebbing [E-Mail]

Die russischsprachige kasachische Oppositionszeitung Respublika veröffentlichte am vergangenen Freitag einen Artikel über die Festnahme der drei Verdächtigen.

Der Tonfall ist ironisch bis sarkastisch, die Skepsis aber sicher angebracht.

 

Weißer “Schigulu” und ein dunkler “Mercedes” – achten Sie auf den Unterschied.

Die Polizei hat die Festnahme von “Hooligans” vermeldet, die verdächtigt werden, den deutschen Journalisten Marcus Bensmann zusammengeschlagen zu haben.

Anatolij Iwanow, 01.02.2008

Unsere Polizisten demonstrierten erneut der ganzen Welt, dass sie Verbrechen jedes Schwierigkeitsgrades äußerst operativ aufklären können.

Nur 10 Tage benötigten die Ermittlungsbehörden der Hauptstadt, um die Beteiligten an dem brutalen Raubüberfall auf den deutschen Journalisten Marcus BENSMANN zu finden, ja sie holten auch schon ein komplettes Schuldgeständnis aus ihnen heraus.

Unsere Ordnungshüter, erwiesen sich als mit allen Wassern gewaschen. Flink entdeckten sie mittels überall in der Hauptstadt aufgestellten Videokameras und gewisser Geschwindigkeitsmesser nicht nur das Auto, in dem man Marcus BENSMANN verschleppte, sondern sie konnten auch die mutmaßlichen Verbrecher festnehmen. Dabei handelt es sich nach den Worten des Chefs der Kriminalpolizei von Astana, Schanat Bitenow, um drei Bewohner des abgelegenen Rajons Kasygurt im Süden Kasachstans.

Wie Herr Bitenow mitteilt, war einer von ihnen privater Taxifahrer, ein anderer arbeitete als Wachmann, der dritte war einfach nur arbeitslos. Es stellte sich heraus, dass Marcus Bensmann ihr Auto in der Nacht des 20. Januars auf der Saryark-Straße angehalten hatte, um ins Hotel „Abai“ zu fahren. Wo er nie ankam.

Wie der Chef der Astaner Kriminalpolizei erzählt, sahen die jungen Männer, dass sie einen Ausländer vor sich hatten, und beschlossen ihn auszurauben.

Wie es in einer von der Polizei verbreiteten Pressemitteilung heißt, „brachten Sie ihr Opfer in die Gegend des Strafparkplatzes an der Sofijewsker Chaussee, wo sie es zusammenschlugen, ihm Kleidung und Geld abnahmen, und bewusstlos zurückließen.“

Bensmanns Irreführung

Dem neugierigen Leser, der sich an die Meldungen über die Aufzeichnungen der Videokameras vor dem Nachtklub „Schokolad“ erinnert, stellt sich hier die völlig natürliche Frage: Wo gibt es schicke dunkelfarbige Mercedesse als Privattaxi? Aber auch darauf haben die Polizisten eine würdige

Antwort: Marcus Bensmann selbst hat unsere tadellosen Rechtsschützer in die Irre geführt.

Sie glauben es nicht? Bitte sehr, das hat Schanat Bitenow dazu gesagt:

„Unser Bürger Deutschlands hat uns in die Irre geführt, indem er angab, er sei in einem Mercedes weggefahren. Und wir haben diesen Wagen lange gesucht. Das war eine sehr langwierige Arbeit. Am Ende stellte sich heraus, dass die Tatverdächtigen, ihn in einem „VAS-2106-Kleinwagen“ verschleppt haben.“

Und damit nicht der geringste Zweifel daran aufkomme, dass die Verhafteten tatsächlich die Schuldigen sind, demonstrierten die staatlichen Fernsehkanäle landesweit „unanfechtbare“ operative Videoaufnahmen. Etwa, die Wohnung eines der Tatverdächtigen. Oder ihn selbst (übrigens eine im Vergleich zu Marcus ziemlich schwächlige Figur).

Und das allerwichtigste, die Jacke des deutschen Journalisten und seine Schuhe, die in eben dieser Wohnung gefunden worden.

Und zum „Nachtisch“ kredenzte man das „Sahnehäubchen“ der Ermittlungen:

Jenen kleine weiße „Schiguli“, den Bensmann angeblich mit dem dunklen „Mercedes“ verwechselte, und in den er sich zu seinem Unglück gesetzt hatte. Dabei spielt es keinerlei Rolle, dass jeder normale Mensch daran zweifeln wird, dass man einen weissen Schiguli-Kleinwagen mit einer Mercedeslimousine verwechseln kann. Wichtig ist, dass nach den Versicherungen unserer tadellosen Polizeibeamten, in eben jenem Schiguli Blutspuren gefunden wurden. Wessen Blut, fragen Sie? Die Antwort geben die Experten der kasachischen Kriminalpolizei – in zwei Monaten.

Ein Mercedes ist kein Schiguli

Es ist völlig natürlich, dass etwa die Präsidentin der Stiftung „Journalisten in Not“, Roslana Taukina, die Marcus sehr gut von ihrer gemeinsamen Arbeit her kennt, am Erfolg der von der Astaner Polizei durchgeführten Ermittlungsmassnahmen zweifelt.

„Die Redaktion unserer Polizei ist wie immer erstaunlich. Wir kennen Marcus gut. Er ist ein professioneller Journalist. Er kam nicht das erste mal nach Kasachstan, nicht das erste Mal nach Zentralasien. Er war immer Herr seiner Sinne, und deshalb glaube ich nicht, dass er sich nicht an die Marke des Autos erinnern kann, in das er sich gesetzt hat. Wenn er sagt, er habe sich in einen schwarzen „Mercedes“ gesetzt, dann hat er sich wohl auch in einen schwarzen „Mercedes“ gesetzt! Aber, dass unsere Polizei den Fall auf ihre Art aufklärt, darüber wundert sich niemand.

Ich habe von der ersten Minute nicht an ein Zufallsverbrechen an dem deutschen Journalisten geglaubt. Auch nach der Festnahme der mutmaßlichen Täter bleiben die gleichen Fragen unbeantwortet wie zuvor. Etwa, warum die jungen Männer Bensmann durch die ganze Stadt kutschieren mussten, um ihn dann zusammenzuschlagen, auszurauben, und ohne Kleider in den Frost zu werfen. Und nicht in der Nähe eines Parkplatzes, sondern auf offener Strecke. Deshalb traue ich den Schlussfolgerungen nicht, die die Rechtsschutzorgane Kasachstans ziehen.“

Marcus selbst schweigt bisher

Aber das ist noch nicht alles. Auch wenn gegen die Verdächtigen ein Strafverfahren eingeleitet worden ist, bedeutet das keineswegs, dass sie wirklich die die Verantwortung für den Raubüberfall an dem Journalisten tragen. Für den Anfang, erklärte Schanat Bitenow, sei eine Gegenüberstellung Marcus mit denjenigen, die ihn mutmaßlich misshandelt haben, unumgänglich. Und zu diesem Zweck, soll er, sobald er wieder gesund ist, noch einmal in die für ihn so „gastfreundliche“ Hauptstadt Kasachstans kommen.

Aber, nach den Worten von Bensmanns Frau Galima Bucharabaewa, die unserer Redaktion von deutschen Kollegen vermittelt wurden, wird die Polizei von Astana mindestens ein halbes Jahr auf seine Heilung warten müssen. Seit Anfang dieser Woche haben die deutschen Chirurgen schon die dritte Gesichtsoperation durchgeführt. Im Resultat der Schläge, die wie die deutschen Ärzte vermutet, mit einem Metallgegenstand ausgeführt wurden, ist praktisch die gesamte vordere Schädelpartie des Patienten in kleine Stücke zerbrochen.

Und wie bisher drohen Amputationen von Zehen und Fingern. Marcus kann sich praktisch nicht bewegen, (auch seine Rippen, Beine und Arme sind gebrochen) und bisher ist er nicht in der Lage zu sprechen.

Aber früher oder später wird der Journalist wieder reden. Was ist, wenn er die Angreifer kennt? Wenn er ihre Namen nennen kann? Oder wenigstens ihre Fotografien identifizieren?

Und was, wenn das absolut nicht jene Leute sind, die unsere glänzenden Kriminalisten ermittelt haben?


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Martin Ebbing

Martin Ebbing, Jahrgang 1954, arbeitet seit 1986 als freier Autor und Reporter im Ausland. Nach Stationen in New York, Tiflis und auf dem Balkan, reiste er 2002 in den Irak, von wo er bis zum Sturz Saddam Husseins über den Krieg ...[mehr]




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