Mittwoch, 11. Juni 2008 - 18:24 Uhr
Durchhalten gegen Scarlet
Abgelegt unter: Europa, Internet, Reporteralltag von Alois Berger [E-Mail]

Manche Menschen spielen gegen Schachcomputer, dazu habe ich keine Zeit, ich muss gegen einen belgischen Telefoncomputer antreten. Meiner heißt übrigens Scarlet. Früher hieß er Euronet, wurde dann von Wanadoo aufgekauft, dann von Tiscali und schließlich von Scarlet. Da dachte ich auch noch, dass Scarlet ein richtiges Server-Unternehmen ist mit richtigen Menschen ist und nicht bloß ein Computer. Ursprünglich war daran gedacht, dass mich Scarlet mit dem Internet verbinden sollte. Am Anfang klappte das auch ganz gut. Aber Telefoncomputer schalten offensichtlich irgendwann selbständig in eine höhere Schwierigkeitsstufe. Scarlet hat dann angefangen, statt der Rechungen immer gleich Mahnungen mit Mahngebühren zu schicken. Das war eigenartig, weil Euronet alias Scarlet eine Einzugsermächtigung hatte. Ich habe dann viele Stunden meines Lebens in der Hotline-Warteschleife verbracht, habe E-Mails geschrieben und Briefe und wieder angerufen. Manchmal hörte ich tatsächlich menschliche Stimmen, die sagten, alles werde gut. Wurde aber nicht. Vor zwei Jahren habe ich gekündigt, seitdem ist Scarlet besonders böse mit mir, hat die Frequenz der Mahnschreiben erhöht und auch die Mahngebühren auf die Mahngebühren. Telefoncomputer führen offenbar ein streng abgeschottetes Eigenleben, halten sich für die Hotline ein oder zwei menschliche Sklaven, die nie ihren Namen sagen dürfen und deren Worte nichts wert sind. Eine Zeitlang habe ich es mit Bitten und Flehen versucht, dann wieder gütlich und später mit wüsten Drohungen. Die Scarlet-Sklaven hören sich das an, aber es passiert nichts. Meist bricht plötzlich die Leitung ab. Wahrscheinlich sitzt Scarlet in irgendeinem Erdloch in den Ardennen und lacht hysterisch, wenn ein Telefoncomputerspieler die Nerven verliert und die aufgelaufenen Mahngelder überweist. Dann wird der Mahngebührenzähler wieder auf Null gestellt und nach einem Monat geht das Spiel mit fünf Euro Einstiegsmahngebühr von vorne los. Bei mir sind inzwischen 150 Euro Mahnschulden aufgelaufen. Der neueste Trick von Scarlet ist eine holländische Inkassogesellschaft, die mit einem belgisches Gerichtsverfahren droht, wenn ich nicht sofort zahle. Ich bin etwas abgemagert, aber solange meine Frau meine nächtlichen Fieberattacken und die Schweißausbrüche erträgt, halte ich durch.


kommentare

helge denker [E-Mail] - Donnerstag, 31. Juli 2008 - 17:23 Uhr
Hallo,

ich würde in diesem Fall mal so langsam die Scarlet-Pressestelle einschalten, bzw. rundmachen.
Das wirkt in Deutschland oft Wunder, auch in schweren Fällen. Kann ja nicht der Sinn der Sache sein, dass die einerseits viel Geld und Mühe investieren, um das Firmen-Image bei Journalisten zu heben und auf der anderen Seite dann diese Arbeit gleich wieder in Grund und Boden stampfen mit bürokratischen Systemfehlern.

Schöne GrüÃ


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