Montag, 30. Oktober 2006 - 15:02 Uhr
Katharsis verweigert
Abgelegt unter: Afghanistan, Außenpolitik, Krisen, Medienkritik  von Britta Petersen [E-Mail]

Seit fünf Tagen erhalte ich nun Anfragen zu Interviews und Artikeln über diesen unappetitlichen Schädelskandal der Bundeswehr in Afghanistan. Ich habe mich auch schon reichlich dazu geäußert, obwohl ich gestehen muss, dass es eigentlich nicht viel zu sagen gibt. Denn wie groß die Aufregung in Deutschland auch sein mag – hier in Afghanistan ist sie es nicht.

Weder in Kabul noch in Jalalabad, wo ich zurzeit sitze, hat das Thema Wellen geschlagen. Über die Gründe dafür wurde genug spekuliert. Was ich momentan viel spannender finde ist die Beharrlichkeit, mit der die deutsche Öffentlichkeit in Form der anrufenden Kollegen darauf wartet, dass es hier endlich kracht. Wütende Mobs, brennende Puppen der Bundeskanzlerin, abgefackelte NGO-Büros, Bombenattentate auf Bundeswehrkonvois – das alles wurde offenbar erwartet. Und dann? Einfach nichts.

Eine echte Enttäuschung diese afghanischen Islamisten. Wie können sie es wagen, unsere Erwartungen nicht zu erfüllen? Sie verweigern uns einfach die Katharsis, die Reinigung für den reuigen Sünder, nach der wir Deutschen uns doch so sehnen. Kennen sie denn nicht die Theorie Hegels, wonach der Straftäter erst durch die Strafe seine Würde zurückerhält? Doch statt uns eine kräftige Lektion zu erteilen, lassen sie uns allein mit unserer Schuld.

Undankbar, irgendwie. Wenn das kein Grund ist, die Bundeswehr aus Afghanistan abzuziehen!



kommentare

Philipp Kreisselmeier [E-Mail] - Donnerstag, 02. November 2006 - 01:30 Uhr
Immerhin gab es wenn nicht Kathartisches, so doch Deftiges in "dritten" Ländern. Die römische "Repubblica" schrieb über die Schädelspielereien, zum ersten Mal seit 1945 gehe Horror/Schrecken in der Welt wieder von deutschen Soldaten aus... Das war weit hinten in einem langen Artikel, den ich aus dem Gedächtnis zitiere - aber für "zum ersten Mal seit 1945" kann ich mich verbürgen.
 

Lukas [E-Mail] - Montag, 15. Januar 2007 - 14:43 Uhr
Ich finde es sehr interessant wie du Afghanistan beschreibst. Seit 5 Monaten lebe ich nun auch schon in Afghanistan, lerne Farsi oder besser gesagt Dari und lebe bei einer afghanischen Familie, um die Kultur besser kennenzulernen.
Meine Eindrücke von Kultur und meiner Arbeit in der Entwicklungshilfe veröffentliche ich regelmäßig auf diesem Blog meiner Zeitung.

http://blogs.badische-zeitung.de/afghanistan/
 

Janis [E-Mail] - Donnerstag, 18. Januar 2007 - 12:40 Uhr
Das klingt nach einem wirklichen Intensivkurs! Machst du das nur aus Neugier/Liebe/interesse an der Sprache?

Was meinst du mit "meine Zeitung"? Bist du Journalist?
 

Lukas [E-Mail] - Dienstag, 23. Januar 2007 - 12:30 Uhr
Ich arbeite für eine Entwicklungshilfe Organisation im "Public Relations" Bereich und arbeite gleichzeitig als Journalist unteranderem für die Badische-Zeitung, zu der dieser genannte Blog gehört.
Viele Ausländer sind hier mit Landcruiser unterwegs und leben hinter hohen Mauern. Doch ich versuche mir einen Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen und möchte möglichst auf gleichem Level mit den Menschen leben und sie und ihre Kultur verstehen lernen (sofern mir das eben möglich ist).


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Britta Petersen
Britta Petersen leitet seit dem 1. Juli 2010 das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Lahore/Pakistan.

Zuvor lebte sie fünf Jahre als Autorin und Weltreporterin in Neu-Delhi/Indien. 2009 wurde sie vom Indian Council for ...[mehr]




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