Normalerweise hätte ich an den Gedanken keine Sekunde verschwendet. Zumal das Angebot wohl auch nicht so ganz ernst gemeint war. Oder auf jeden Fall nicht selbstlos. Doch wenn man nach fast einem Jahr des Neuanfangs immer noch nicht viel mehr als zwei Dutzend Absagen und nicht eingelöste Versprechen in den Händen hält, könnte man glatt schwach werden. An Schönheit würde der potentielle Arbeitsplatz Berlin jedenfalls an nichts nachstehen, im Gegenteil. Bainbridge ist eine ruhige, grüne Insel vor den Toren Seattles, die Fähre über den Pudget Sound braucht gerade einmal 30 Minuten. Und wer so wohnt wie meine Schwiegereltern, der hat des Abends eine atemraubende Aussicht auf die Skyline der größten Stadt in Washington State (siehe Video für einen Blick aus dem Wohnzimmerfenster bei Dämmerung).
„Grill und Schlemmerbuffet am Rosenthaler Platz“ ist nicht gerade ein Name für einen Ort, der romantisch-nostalgische Gedanken auslöst. Ein Imbiss halt, wie es ihn in Berlin zu hunderten gibt, ein bisschen größer als der Durchschnitt und ein wenig besser eingerichtet. Trotzdem löste der Verzehr eines Şiş Dürüm, einer Teigrolle gefüllt mit Salat und Kalbsfleisch, in meinem Kopf vor kurzem ein Feuerwerk der Erinnerungen aus. Vielleicht lag es an der perfekten Mischung von Soße und Salat, vielleicht an der überraschend liebevoll gegrillten Tomate, der scharfen grünen Paprika oder dem auf den Punkt gegarten Fleisch. Was da meine Geschmacksnerven kitzelte, erinnerte mich an meine Vorliebe für türkisches Essen, wie ich es in Berlin schätzen gelernt und in New York vermisst hatte. Was wiederum unweigerlich die Worte „spicy lamb burger“ auslöste und den Gedanken an „Chez Oskar“,...[mehr]
Neulich ist es schon wieder passiert. Ich saß in dem frisch renovierten Büro eines Chefredakteurs einer Berliner Zeitung und musste diesen mitleidigen Blick über mich ergehen lassen. Wie ich es ertrüge, statt in New York nun in Berlin zu leben, wollte er wissen. Diese Frage ist mir in den vergangenen Wochen gefühlte 500mal gestellt worden – und immer noch macht sie mich so fassungslos wie beim ersten Mal. Sie basiert auf so vielen falschen Annahmen, dass sie sich kaum beim Small talk beantworten lässt. Also brummle ich meistens etwas Belangloses und verabschiede mich mit dem festen Vorsatz, mir eine deftige Strafe auszudenken für den nächsten, der dasselbe wissen will.
Ein Arbeitsweg, der nur mit den G-Train zu bewältigen ist, wäre etwa ein schöner Anfang. Der G-Train verbindet Brooklyn mit Brooklyn und gehört garantiert zu den meist gehassten U-Bahnverbindung der Stadt, weil sie entweder super langsam ist oder gar nicht fährt. Noch schöner allerdings wäre es, die Fragesteller in den drei Wohnungen hausen zu lassen, für die ich in den vergangenen sieben Jahren knapp 140.000 Dollar Miete gezahlt habe. Am liebsten im Winter.
Da wäre dann zum Beispiel das WG-Zimmer, dessen Fenster ich mit Folie bekleben musste, um von November ...[mehr]
Eine erfahrene Korrespondenten-Kollegin hatte mich gewarnt: „Wenn Du nach Deutschland zurück gehst, dann sag´ bloss nicht dauernd, `in den USA machen sie das aber so und so´.“ Das sei der sicherste Weg, um auf augenrollende Ablehnung zu stossen. Ich habe ihren Rat sofort erfolgreich missachtet und preise seit meinem Umzug nach Berlin unermüdlich mein Lieblingsprojekt an. Die mehrfach ausgezeichnete Videoserie „OnBeing“, die die „Washington Post“ auf ihrer Webseite veröffentlicht, ist einfach zu gut, um ihre Idee nicht aufzugreifen. Mit großem Vertrauen in die Geschichten, die die Menschen zu erzählen haben, und ohne Angst, Fernsehkonventionen zu brechen, zaubert Jennifer Crandall dort jede Woche ein kleines Kunstwerk des modernen Multimedia-Journalismus.
Um so überraschter war ich, als ich bei der taz auf offene Ohren für meine Idee stieß, etwas Ähnliches in Deutschland umzusetzen. Heraus kam „Unerhört“, eine Serie von Videoportraits zum Bundestagswahlkampf. Die Idee dahinter ist, Leute aus der Zivilgesellschaft zu Themen zu Wort kommen zu lassen, die im aktuellen Schmuse-Zirkus zwischen Merkel und Steinmeier nicht oder nur oberflächlich vorkommen. Die taz veröffentlicht die knapp vierminütigen Stücke auf ihrem Youtube-Kanal nun im Tagesrhythmus bis zur Wahl, die Resonanz kann sich sehen lassen. Es ist wirklich nicht alles schlecht,...[mehr]
Die gefühlte Weltlage entscheidet darüber, wie lange ich schummeln darf, nachdem um sechs der Wecker geklingelt hat. Eine Viertelstunde, eine halbe? Ist über Nacht wieder eine Bank in die Knie gegangen, ein Flugzeug im Hudson gelandet, ein Milliardenbetrüger aufgeflogen? Oder hält sich Präsident Obama an seinen Tagesablauf, spricht die Worte in die Kameras, die mir seit Stunden vorliegen und die die amerikanischen Kollegen bereits ausgiebig debattiert haben?
Gestern wieder bis zwei geschrieben, die Knochen sind müde, das Hirn bleiern, der Kreislauf nicht vorhanden. Doch der erste Redaktionsschluss ist um zehn und man weiß nie, was in der Inbox schlummert. Oft nichts Aufregendes, aber manchmal eben die arglose Anfrage für 300 Zeilen bis 15.30 Uhr, also 9.30 Uhr bei mir. Und bis sieben muss die Tagesvorschau für die Schweiz ohnehin raus. Also gibt´s wieder nur den kalten Espresso vom Vortag, mit reichlich Milch verdünnt schmeckt er kaum noch bitter.
An solche Dinge gewöhnt man sich. Nach fast sieben Jahren New York ist das Frühaufstehen zur Routine geworden, Zeitzonen, Redaktionsschlüsse, Zeilenlängen haben sich tief ins Unterbewußtsein eingegraben. Nur der Mittwoch und der Donnerstag, die liegen mir immer noch schwer auf der Seele. An den beiden Tagen muss ich gegen acht rausrennen ...[mehr]
REPORTERWELT ... ist das Blog des Korrespondentennetzes
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Matthias B. Krause
Matthias B. Krause entwickelt Video-Formate, dreht und produziert Multimedia-Beiträge und schreibt für führende deutsche und amerikanische Medien. Zu seinen Kunden gehören Stern.de, Zeit.de, Taz.de, CurrenTV.com, Vanity Fair, ...[mehr]