| Einträge von Stefan Scholl: |
| Sonntag, 25. Juli 2010 - 22:39 Uhr |
| Kaltenbrunner - Schellenberg - Kaltenberg |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Manchmal frage ich mich, ob es nach 12 Jahren Russland nicht dringend Zeit ist, wieder heimzukehren. Etwa vergangenen Dienstag in Minsk. Das liegt zwar in Weißrussland. Aber als mir in einer dortigen Kneipe die Marke „Kaltenberg“ als „vaterländisches“, also einheimisches Fassbier angeboten wurde, brach ich in höhnisches Gelächter aus: „Kaltenberg“, das haben sich die Weißrussen ja schön ausgedacht, die haben wohl wie die Russen zuviel schlechte Nazi-Literatur konsumiert. Und dann aus „Kaltenbrunner“, „Stauffenberg“ oder schlimmer noch „Schellenberg“ einen ihrer Ansicht nach erzgermanischen Namen gepanscht und einen Pilsverschnitt mit leichtem Nachgeschmack nach Kernseife dazu.

Aber es stellte sich heraus, dass „Kaltenberg“ gut schmeckt. Ich riskierte eine google.ru-Minimalrecherche. Ergebnis: Die Weißrussen haben tatsächlich geflunkert, „Kaltenberg“ wird nicht in Minsk, sondern in Otschakowo bei Moskau produziert. Aber in Weißrussland betrachtet man ja außer Bier aus Russland ja auch Öl und Gas als „vaterländisch“. Die Russen wiederum brauen „Kaltenberg“ mit einer deutschen Lizenz der König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg, den ...[mehr] |
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| Dienstag, 25. Mai 2010 - 22:17 Uhr |
| Wellenreitende Wolgabrücken und sibirische Schmelzwasserschamanen |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Durch Russland fließt viel Wasser. Zum Beispiel die Wolga, mit 3530 Kilometern Europas längster Strom. Und weiter östlich, in Sibrien, der Jenissej, 5960 Kilometer lang, der Welt fünflängster Fluss. Russland meistert seine gewaltigen Flusslandschaften mit viel Schwung: Die erst vergangenen Oktober eröffnete Wolgabrücke von Wolgograd nach Krasnoslobosk ist mit 7,1 Kilometer die längste Straßenbrücke Europas. So wie das Sajano-Schuschensker Wasserkraftwerk am Jenissej mit 6400 Megawatt Leistung das größte Wasserkraftwerk Europas darstellt. Der 240 Meter hoher Staudamm gehört zu den 20 höchsten Staumauern der Welt…
Außerdem managt Russland Krisen verblüffend einfach: Bei einem Frühjahrssturm geriet die längste Brücke über den längsten Fluss Europas kürzlich in so heftige Schwingungen, dass selbst für ihre Nervenstärke berühmte südrussische Steppen- und Straßenhunde weder vor noch zurück wussten. (Russische Bloger machen sich auch noch drüber lustig: http://www.youtube.com/watch?v=aLNQlCVsA9E) Einige Tage rätselte die Öffentlichkeit, ob die Wellen reitende Wolgabrücke nun abbruchreif oder ein besonders flexibles Wunderwerk der vaterländischen Technik sei. Dann beschlossen die Behörden, die Brücke für ...[mehr] |
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| Sonntag, 25. April 2010 - 12:54 Uhr |
| Drachentöter gegen Untermensch |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Oder Harley Davidson gegen Lada Niwa
Am krassesten war der Typ neulich, auf der Harley-Davidson. In der Abenddämmerung auf der Strecke Petersburg–Moskau. Bei Twer, keine 160 Kilometer vor Moskau, dort wo die Trasse endlich durchgehend vierspurig wird, blinkte es heftig hinter mir. Was ich nicht weiter beachtetete, da ich hinter einem Schwerlaster hing, der einen anderen überholte. Als ich beide passiert hatte, flog rechts ein Motorrad vorbei, eine Harley-Davidson. Zog nach links, schnitt mich, bremste vor mir, der lederverpackte Fahrer zückte den behandschuhten Mittelfinger. Offenbar war er erbost, dass ich sein Signal ignoriert, und mich nicht in Luft aufgelöst hatte. Jetzt blockierte er die Fahrbahn vor mir, bremste mich aus, zeigte Richtung Straßengraben: Da gehörst du hin! Dass das Visier seines Schutzhelmes nicht vor der Wut dahinter platzte, war erstaunlich.
Der Typ kochte weniger, weil ihn ein Autofahrer nicht vorbeigelassen hatte. Sondern weil dieser Fahrer in einem Lada Niwa saß. Einem schmutzigen kleinen Jeep sowjetischer Bauart, mit lausigen 1,7 Kubikmetern Hubraum. Wer sich in einem Lada Niwaso Moskau, der Stadt der Milliardäre nähert, braucht gute Nerven. Der Lada Niwa gilt dort als Auto des russischen Kolchosbauernschaft, billig, PS-Arm, langsam, ein Landstreicher auf Rädern. Und je näher man Moskau kommt, umso seltener werden diese Parias, umso teurer, schnittiger und rasanter ...[mehr] |
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| Donnerstag, 25. Februar 2010 - 23:22 Uhr |
| Sven Hassel. Auf englisch. In Russland. |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Neulich habe ich danebengegriffen. In einem Moskauer Buchladen habe ich für umgerechnet 3 Euro Sven Hassel gekauft, auf englisch: „Wheels of terror“. Das Cover als Landserheft aufgemacht, aber immerhin steht hinten drauf: „He is a brilliant storyteller. The Washington Post“. Zwischen Cover und Buchrücken kämpfen Hassels Helden, eine Handvoll deutscher Strafbataillonskrieger an der wackelnden deutschen Ostfront, gegen Eis, Frost und „den Iwan“. Ganz harte Jungs, die Führer und Endsieg verlachen, Etappenhuren umlegen, Feldjäger zusammenschlagen oder durch die feindliche Linien robben, um die Bolschewisten zu schnappen, die gerade deutsche Kriegsgefangene kreuzigen. Hassels Deutsche sind brutal, aber geben sich politisch korrekt. Zwischen verzweifelten Rückzugsgefechten gegen die kleinen Sibirier mit den breiten Wangenknochen leisten die Knochenbrecher einer schwangeren Russin Geburtshilfe, ziemlich vergeblich, die Mutter stirbt, das Baby wird wenig später mit anderen Kindern von einem Artillerievolltreffer getötet.
Der Autor Hassel, Jahrgang 1917, ist Däne, hat nach eigenen Angaben in einem deutschen Strafbataillon an allen möglichen Weltkriegsfronten gekämpft. In Dänemark heißt es übrigens, er habe den gesamten Krieg dort als Nazihilfssoldat verbracht und seine Ostfrontdetails hinterher von dänischen SS-Ehemaligen aufgeschnappt. Dass Hassels Russen die Deutschen ...[mehr] |
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| Freitag, 29. Januar 2010 - 15:00 Uhr |
| Putins Hündin und der deutsche Rückmarsch von der Wolga |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Das Handy klingelt, Roman ruft an, Chefredakteur einer Moskauer Frauenzeitschrift. „Hör mal“, sage ich zu ihm, „Ihr solltet diesen langweiligen Kater zumindest jedes zweite Woche durch den Hund ersetzen.“
„Ja“, antwortet Roman, „der Hund ist witziger gewesen.“ Es geht um Dmitrij Medwedews Kater Dorofej und Wladimir Putins Hündin Conny. Früher kommentierte Conny, die Hündin, als „Kremlexperte“ in Romans Zeitschrift das Treiben ihres Herrn. Als ihn dann Medwedew als Kremlchef beerbte, übernahm dessen Kater die Rolle des Hofberichterstatters. Aber Putin klopfte bessere Sprüche als Medwedew, seine Hündin auch, außerdem war Conny fast immer mit dabei, angehimmelt von Russlands Medien. „Keine Angst“, ich höre den Putin-Fan Roman förmlich grinsen, „Conny ist bald zurück im Kreml.“
„Laut Verfassung herrscht noch 2 Jahre Langeweile, bis dein Putin wieder Präsident werden kann“, sage ich.
„Was kümmert uns die Verfassung? Ihr habt ja auch den verfassungsmäßigen Präsidenten des Iraks umgebracht.“ Roman ist als glühender Patriot pauschal antiwestlich. Und Fachgespräche mit ihm rutschen sehr oft ins politisch Unkorrekte.
„Hitler haben die Deutschen auch mal verfassungsmäßig gewählt“, polemisiere ich.
„Was die Deutschen ...[mehr] |
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| Freitag, 11. Dezember 2009 - 11:56 Uhr |
| Geburtshaftanstalt an der Wolga |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Als wäre ich in eine missglückte russische Filmkomödie geraten: Ich stehe auf der Bordsteinkante zwischen einem steif gefrorenen Rasen und einem Asphaltweg und spähe hinauf in die Abenddämmerung. Genauer auf eine dunkle Silhouette im hell erleuchteten Fenster 4 Stockwerke über mir. Die Silhouette ist der Kopf meiner Frau, die seit heute Vormittag im Roddom, im „Geburtshaus“, eingesperrt ist. Sie blickt zu mir herab, ihre Miene ist nicht mal zu ahnen. „Wir sind jetzt nur noch zu dritt im Zimmer“, ihre Stimme klingt unverdrossen, „einem Mädchen ist schon Wasser gekommen, die haben sie abgeholt, zum Kaiserschnitt.“ Ich frage nicht, was für Wasser ihrer Schicksalsgenossin gekommen ist, ich frage, ob die Einkaufstüte Obst gut bei ihr angekommen ist. „Soviel Obst, das kriege ich gar nicht mehr alles aufgegessen“, antwortet es tapfer von oben.
Ich aber fühle mich plötzlich sehr sowjetisch. Ein argloser Westler, vom russischen Schicksal gepackt und zurück geschossen in trübsten sowjetischen Alltag: Der Schweinegrippe haben wir es zu verdanken, dass das eigentlich hochmoderne „Republikanische Natale Zentrum“ in der Wolga-Stadt Tscheboksary die totalitären Regeln sowjetischen Quarantänewahns wiedereingeführt hat: Keine Schwangere, keine Wöchnerin darf aus dem Geburtshaus, kein Verwandter, kein Vater rein. Man kommuniziert durchs ...[mehr] |
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| Dienstag, 03. November 2009 - 15:41 Uhr |
| Georgisch. Schrecklich. Schön. |
| von Stefan Scholl [E-Mail] |
Georgische Politiker neigen zur Emphase. Schalva Natelaschwili, Führer der oppositionellen Partei der Arbeit, strahlt vor Freude, einen Deutschen zu sehen. „Deutschland hat mir ein zweites Leben geschenkt. Ohne die Chirurgen, die mich in Wien am Herzen operiert hätten, wäre ich schon tot.“ Ich versuche ihn darauf aufmerksam zu machen, dass die Wiener Chirurgen sich vermutlich schwarz ärgern würden, wenn sie wüssten, dass er sie Deutsche nennt. Aber den Einwand wischt er weg. „Ihr habt doch eine Sprache, eine Kultur, eine Seele.“
Natelaschwili spricht weiter, georgische Politiker neigen zum Monolog, er beklagt sich über die abtrünnigen Abchasen und Südosseten. „Wenn sie nicht mit uns zusammenleben wollen“, jetzt verfinstert sich seine Stirn, „sollen sie doch nach Russland gehen.“ Kein Wort mehr über gemeinsame Sprache, über die Einheit der Seele. Schalwa Natelaschwili aber hat sich in Fahrt geredet, jetzt schimpft er über die Kumpanei zwischen Präsident Saakaschwili und westlichen Diplomaten: „Der deutsche und der britische Botschafter, die bekommen jeden Monat von Saakaschwili 100.000 Dollar Schmiergeld.“ Der Oppositionelle lacht grimmig. „Damit können Sie mich zitieren.“
Georgier sind bekanntlich Männer der Ehre, und die scheinen sie auf sehr altertümliche Weise auszulegen: „Viel Feind, viel Ehr!“ So ...[mehr] |
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| Montag, 21. September 2009 - 09:06 Uhr |
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| Abgelegt unter: Russland von Stefan Scholl [E-Mail] |
Wissen Sie, wer Alexander Suworow ist? Der größte Feldherr aller Zeiten. Das finden zumindest die Russen. Erstens, weil er Russe ist, zweitens weil er die Alpen überquert hat. Wie Hannibal, nur ohne Elefanten, und in eine andere Richtung. Suworow soll übrigens die ganze Aktion für ziemlichen Schwachsinn gehalten haben. Trotzdem führte er 1899 seine Truppen aus Norditalien auf einer halsbrecherischen Route über den Sankt Gotthard Pass, wurde dann aber in der Schweiz von französischen Revolutionstruppen geschlagen. (Ab hier berichtet die russische Geschichtsschreibung ziemlich ungenau.) Suworow und seine Krieger mussten über verschneite Pässe nach Österreich ausweichen, von 25.000 Mann kamen 15.000 an. Ein ebenso überflüssiger wie wahnwitziger Feldzug. Aber die Russen mögen so was.
Der Historienmaler Wassilij Surikow fand den Kanonenrohralpinismus seiner Landsleute jedenfalls ziemlich abgefahren.
http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/9/99/Suvorov_crossing_the_alps.jpg
Die Schweizer offenbar auch. Die haben das anstehende 210. Jubiläum der Alpenüberquerung Suworows zum Anlass genommen, um den russischen Präsidenten Dmitrij Medwedew einzuladen. Denn weder vor noch nach Suworow hat es ein russisches Staatsoberhaupt je zum einen offiziellen Besuch ins Eidgenössische geschafft – von Iwan dem Schrecklichen bis Gorbi oder Putin. (Klar, Lenin, war mal länger ...[mehr] |
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| Samstag, 16. August 2008 - 12:53 Uhr |
| Das viel kleinere Übel. Russland interveniert in Georgien |
| Abgelegt unter: Russland von Stefan Scholl [E-Mail] |
| „Hat der russische Bär sich wieder von seiner Kette losgerissen?“, diese Frage hörte ich in den letzten Tagen immer wieder von deutschen Redakteuren. Und immer wieder vergleichen die Kollegen in der Heimat die russische Intervention in Georgien mit dem sowjetischen Einmarsch in Prag 1968. Obwohl inzwischen auch amerikanische Experten konstatieren, dass Georgien die Feindseligkeiten mit einem massiven und von langer Hand geplanten Überraschungsangriff auf die Separatistenprovinz Südossetien begann. ( Paul J. Saunders in der „Washington Post“) Aber wenn der Kreml Truppen losschickt, ist es der erste Reflex hierzulande, ihm das Schild „Aggressor“ um den Hals zu hängen, seine G8-Mitgliedschaft, seinen WTO-Beitritt und die Winterolympiade in Sotschi in Diskussion zu stellen. Klar, Putin ist kein Demokrat, die Propaganda seiner Staatsmedien auch diesmal zum Kotzen, selbst moskowitische Touristen benehmen sich überall daneben. Aber auch wenn noch immer russische Panzer durch Georgien kurven, diese Intervention entwickelt sich weniger blutig, als, das, was die Nato 1999 zur Rettung einer anderen Separatistenprovinz, nämlich des Kosovos, auf serbischem Staatsgebiet veranstalteten. Vom Irak ganz zu schweigen. Jetzt beklagt die ...[mehr] |
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| Freitag, 01. Februar 2008 - 11:43 Uhr |
| Marcus Bensmann: Drei Verdaechtige festgenommen |
| Abgelegt unter: Marcus Bensmann von Stefan Scholl [E-Mail] |
Radio Swoboda in Astana, der kasachischen Hauptstadt, meldet, drei junge Maenner seien als Tatverdaechtige festgenommen worden. Es handelt sich nach Polizeiangaben um Kasachen im Alter zwischen 20 und 26 Jahren: ein Taxifahrer, ein Wachmann, ein Arbeitsloser. Sie sollen bereits gestanden haben. Ihnen drohen nun Gefaengnisstrafen von drei bis sieben Jahren und die Konfiszierung ihres Eigentums. Die kasaschische Polizei will untersuchen, ob sie vorher an aehnlichen Straftaten beteiligt waren. Das alles deutet auf einen unpolitischen Raubueberfall hin. Allerdings sind die Sicherheitsorgane in der ehemaligen Sowjetunion oft alles andere als zimperlich, wenn es darum geht, schnell Schuldige fuer einen heiklen Fall zu finden. So kann man noch nicht 100prozentig davon ausgehen, dass der Fall aufgeklaert ist. Sicher koennen wir eigentlich erst sein, wenn Marcus selbst die offizielle kasachische Version bestaetigt. |
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Stefan Scholl
Wie fühlt sich der Händedruck von Alexander Lukaschenko an? Wer hat den Krieg in Tschetschenien wirklich gewonnen? Wieviel Angst muss Europa vor „Gasprom“ haben? Wie küssen Moskauerinnen bei minus 20 Grad? Wie sieht die politische ...[mehr]
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