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DRS 2 | 09.02.2007
Chinas Energiepolitik am Scheideweg  
Chinas Bedarf an Energie steigt und steigt. Um das Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten, setzt das Reich der Mitte jetzt auch auf Ökostrom.
Audio Arbeitsprobe von Ruth Kirchner

ANMODERATION:

Chinas Energiehunger sprengt alle Dimensionen. Die rasant expandierende Wirtschaft im Reich der Mitte frisst Ressourcen im großen Stil. Ein Ende ist nicht abzusehen; im Gegenteil: Je mehr Menschen sich einen bescheidenen Wohlstand erarbeiten, sich Annehmlichkeiten wie Klimaanlagen und Autos leisten können, desto größer der Bedarf an Strom und Treibstoff. Chinas Führung weiß: Mit Kohle und Öl allein ist der Energiehunger auf Dauer nicht zu stillen. Zumal die fossilen Brennstoffe die Umwelt zerstören. Das Land setzt deshalb auf neue Energieformen. Aber sind die grünen Visionen wirklich mehr als Lippenbekenntnisse? Aus Peking eine Reportage von Ruth Kirchner.

BEITRAG:

Atmo Rushhour

Ein ganz gewöhnlicher Freitagmorgen in Peking. Auf der Dong San Huan Lu, der sechsspurigen Dritten Ringstraße quält sich der Berufsverkehr in die Stadt. Stoßstange an Stoßstange. Knapp drei Millionen Fahrzeuge sind in der chinesischen Megametropole unterwegs; jeden Tag werden über 1000 Autos neu zugelassen.

Atmo Baustelle

Auf den Großbaustellen der Hauptstadt schießen immer neue Hochhäuser in die Höhe. Wo gestern noch Hutongs standen – die alten Pekinger Gassen mit ihren einstöckigen grauen Backsteinhäusern, offenen Märkten und Garküchen – entstehen quasi über Nacht neue Einkaufszentren, Bürohäuser und Wohnblöcke.

Überall in der Stadt dampft es aus Fabrikschloten. Noch immer stehen viele Kleinfabriken zwischen Wohnhäusern, da unter Mao einst bewusst die Industrie in die Städte geholt wurde.

Und Chinas Wirtschaft wächst weiter in atemberaubendem Tempo. Schon jetzt ist China nach den USA der zweitgrößte Erdölimporteur der Welt. Der Boom frisst Ressourcen – vor allem Energie.

Im vergangenen Jahr produzierte das Reich der Mitte 620 Gigawatt Strom. 120 Gigawatt gingen neu ans Netz – das entspricht der gesamten Stromproduktion von Deutschland oder Frankreich. Aber all das ist nicht genug. In den nächsten drei Jahren soll die Kapazität noch mal um ein Drittel wachsen. Um sein Wirtschaftswachstum am Laufen zu halten, braucht China Energie, Energie und nochmals Energie, sagt Hu Jinglin vom chinesischen Finanzministerium.

O-Ton Hu Jingling
»Energie ist ein echter Engpass für unsere wirtschaftliche Entwicklung. Mehr noch, wir müssen auch die Zukunft unserer Energieversorgung sicherstellen und dafür die Energiestruktur ändern. Nur so können wir eine stabile Entwicklung garantieren.«

Über 70 Prozent seiner Energie bezieht China jedoch nach wie vor aus der Kohle. Und weil die meisten Kohlekraftwerke nicht einmal mit den einfachsten Filtern ausgestattet sind, bleibt den Menschen in den Großstädten immer häufiger die Luft weg. Nach Angaben der Weltbank liegen von den 20 Metropolen der Welt mit der schlechtesten Luft 16 im Reich der Mitte.

In Peking hängt der Smog oft schwer und grau über der Hauptstadt. Die Sonne ist dann als schmutzig-gelber Fleck am Himmel nur zu erahnen, an besonders schlimmen Tagen sind nicht einmal die Fassaden der Hochhäuser im giftigen Dunst auszumachen.

Die Kohlevorkommen in China sind gewaltig, und das Schwarze Gold ist konkurrenzlos billig, sagt Frank Haugwitz, Energieexperte bei der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, GTZ, in Peking.

O-Ton Haugwitz
»Es gab Zeiten in Baotao in der Inneren Mongolei, da gab es die Tonne Kohle schon für einen Euro. Mittlerweile ist es ein bisschen teurer geworden, aber es gibt keine finanzielle Anreize, in saubere Kohletechnologie zu investieren. Auch die Auflagen sind nicht abschreckend genug, bei Nichteinhaltung. Deshalb wird sich da auch über kurz oder lang herzlich wenig ändern. Deshalb wird Kohle weiter der präferierte fossile Energieträger Nummer eins sein.«

Aber es geht auch anders.

Atmo Feierstunde in Fabrikhalle, Musik

An einem kalten Winternachmittag knallen in einer großen Fabrikhalle in Dongying in der Provinz Shandong die Konfettikanonen.

Einspielung Rede Bürgermeisterin

Dongyings Bürgermeisterin weiht stolz eine neue Fabrik für Rotorblätter ein – für Flügel für Windkraftanlagen. Über 200 der gigantischen Rotorblätter sollen pro Jahr in der neuen Hochtechnologiezone am Delta des Gelben Flusses gebaut werden. Alle für neue Windparks zwischen der Inneren Mongolei im Norden und Guangdong im Süden des riesigen Landes. Investor ist die Firma Nordex aus Hamburg. Ihr China-Chef Hans von Schaper setzt voll und ganz auf Windenergie im Reich der Mitte.

O-Ton Hans von Schaper
»Der chinesische Markt wird einer der ganz großen Märkte sein. China will 30 Gigawatt haben, 30 Gigawatt ist ein Haufen, und das zeigt ganz klar, wo es hingeht; also China wird die Nummer eins oder zwei werden in den nächsten drei oder vier Jahren.«

China baut tatsächlich auf erneuerbare Energien – und das im großen Stil. Premierminister Wen Jiabao gab bei seiner einzigen Pressekonferenz im vergangenen Jahr die neue Marschrichtung vor.

O-Ton Wen Jiabao
»China darf bei der Formulierung seiner Entwicklungsziele nicht nur die Wachstumsraten im Auge haben. Man muss auch an Umweltschutz und Nachhaltigkeit denken.«

Und so lesen sich die Energieziele in den Strategiepapieren der Regierung wie Verheißungen einer besseren, weil grünen Zukunft. Bis zum Jahr 2020 sollen bis zu 16 Prozent der gesamten Energie aus erneuerbaren Quellen kommen – also Wasser, Wind, Solar und Biomasse. Die Windparks allein sollen dann 30 Gigawatt pro Jahr produzieren – 10mal soviel wie heute. Umweltwissenschaftler Eric Martinot vom amerikanischen Worldwatch Institute und Gastprofessor an der Tsinghua Universität in Peking sagt, die Ziele seien durchaus realistisch.

O-Ton Martinot
»China will auf jeden Fall seine Abhängigkeit von Energieimporten – insbesondere von Ölimporten – reduzieren. Das ist eine ungeheure Motivation, eigene, autonome Energiequellen zu erschließen. Windkraft, Biokraftstoffe, selbst Solar – all das steht jetzt auf der Agenda der Regierung ganz weit oben.«

Und Chinas Ressourcen an erneuerbaren Energien sind gewaltig. GTZ-Experte Frank Haugwitz rechnet vor:

O-Ton Haugwitz
»1000 Gigawatt an Potential für Windkraftnutzung; 800 bis 900 Millionen Tonnen Biomasse pro Jahr; wir haben in der Inneren Mongolei, in Xinjiang, in der Wüste Gobi, in Tibet exzellente solare Einstrahlungswerte.«

Wenn man auf nur zehn Prozent der Fläche der Wüste Gobi Solaranlagen aufstellen würde, hätte man auf Jahre genug Strom, glaubt Haugwitz.

O-Ton Haugwitz
»Auch die Geothermie gibt einiges her und der Wasserkraftbereich sowieso, da ist China eines der führenden Länder gemessen an seinen natürlichen Wasserkraftressourcen. Vielleicht nicht unbedingt immer nur im Stil des Drei-Schluchten-Staudamms, man kann ja auch kleiner, aber genauso viel bauen an Kapazität.«

Atmo Glasfasermaschine

Von Chinas neuer grüner Energiewelle profitiert bislang vor allem die Windindustrie. In der riesigen Fertigungshalle in Dongying bereitet eine Art Tapeziermaschine Glasfasern für die Verarbeitung vor; gleich daneben werden vollautomatisch Klebstoffe gemischt. In einer lang gestreckten 35 Meter langen Spezialform, die aussieht wie eine überdimensionierte Backform, liegt die Flügelhälfte für eine neue Windkraftanlage. Schicht für Schicht werden hauchdünne, mit Glasfaser verstärkte Kunststofflagen übereinander gelegt und luftdicht verklebt. Eine Arbeit, die Präzision und Erfahrung erfordert.

Bei Nordex wie bei den anderen Windanlagen-Herstellern in China sind die Auftragsbücher voll. Seit Anfang des vergangenen Jahres das Gesetz über Erneuerbare Energien in Kraft trat, erlebt die Branche einen regelrechten Boom. In den windreichen Steppen im Norden und Nordwesten Chinas machen sich Investoren bereits die besten Plätze streitig.

Größte Auftraggeber für neue Windparks sind neuerdings die fünf großen Stromerzeuger Chinas. Denn das neue Gesetz verpflichtet sie, fünf Prozent ihrer Kapazitäten aus Wind, Sonne oder Biomasse zu beziehen. Und nur der Windmarkt ist weit genug entwickelt, um mit fossilen Energieträgern einigermaßen konkurrieren zu können. Aber der Markt hat seine Tücken, erzählt Hans von Schaper. Größte Hürde: In China gibt es für Windstrom keinen einheitlichen Preis für die Einspeisung ins Netz.

O-Ton von Schaper
»Jedes Mal wenn ein großes Projekt von der Regierung ausgeschrieben wird, wird derjenige das Projekt gewinnen, der den niedrigsten Strompreis anbietet. Und durch das erste halbe Dutzend der so genannten Concession-Projekte, so wie die heißen, hat sich ein dermaßen niedriger Strompreis etabliert, der es kleineren Projekten und kleineren Anbietern geradezu unmöglich macht, das Projekt noch fertig zu entwickeln. Und auf der anderen Seite ist es bisher nicht klar definiert worden, wie lange ich nachher diesen Strompreis erhalte, diesen Einspeiseerlös, so dass ich einfach kalkulieren kann, zur Bank gehen und meinen Kredit holen kann.«

Einspielung CEO-Rede bei Einweihungsfeier

Bei der Einweihungsfeier in Dongying sind alle dabei: der aus Hamburg angereiste CEO, die örtlichen VIPs und Kunden aus ganz China. Viel zu sehen bekommen sie allerdings nicht. Aus Angst vor allzu neugierigen Blicken auf die Produktionsanlagen haben Nordex-Mitarbeiter eines der langen grün-grauen Rotorblätter als Barriere zwischen Bühne und Produktionsbereich gestellt. Einfacher Schutz vor Technologieklau.

Know-how ist das, was den Chinesen am meisten fehlt, um eine wirklich moderne Wind-industrie zu entwickeln. Eine chinesische Firma, Goldwind, ist zwar die Nummer eins unter den Anlageherstellern, aber es sind Ausländer, die die Schlüsseltechnologie in der Hand haben. Alle großen internationalen Hersteller mischen auf dem chinesischen Markt mit. Und während ihre Ingenieure bereits an der nächsten Generation von Windrädern tüfteln, die bis zu fünf Megawatt produzieren können, versuchen die Chinesen noch die Technologie für kleinere Anlagen bis ein oder 1,5 Megawatt zu meistern – in Europa gehören die schon zu den Auslaufmodellen.

Umweltexperten wie Eric Martinot von Worldwatch plädieren daher für mehr staatliche Förderung sowie mehr Kooperationen und Joint Ventures mit ausländischen Firmen, um die chinesische Industrie auf eigene Füße zu stellen.

O-Ton Martinot
»All das ist nicht einfach, weil die ausländischen Firmen ihre Technologie nicht mit China teilen wollen, was ja verständlich ist. Aber die Windindustrie darf nicht wie die Autoindustrie enden, wo hauptsächlich ausländische Tochtergesellschaften hier produzieren und die Chinesen keinen Zugang zur Technologie haben.«

Allen Hürden zum Trotz – die Windindustrie hat den Sprung in den Mainstream schon fast geschafft. Doch andere alternative Energieformen liegen noch weit zurück.

Einspielung Energiekonferenz, Shi-Zhengrong-Rede

Sehr zum Ärger von Shi Zhengrong. Im vornehmen Staatsgästehaus in Peking spricht der Unternehmer vor Beamten und Industrievertretern leidenschaftlich über den Klimaschutz, über schmelzende Eisberge und Chinas Energiezukunft. Im Sekundentakt blitzen Grafiken und Tabellen auf der Leinwand auf.

Shi Zhengrong ist einer der reichsten Männer Chinas. Sein Vermögen hat der 43jaehrige ausgerechnet mit Solarzellen gemacht. Vor nur sechs Jahren gründete er in Wuxi, im Hinterland von Schanghai, die Firma Suntech Power, die heute an der New Yorker Börse auf über fünf Milliarden Dollar taxiert wird. Shi selbst hält knapp die Hälfte der Aktien. Doch den Hauptumsatz macht er nicht in China, sondern im Ausland.

O-Ton Shi Zhengrong
»In China hat das Geschäft mit Solarenergie noch überhaupt nicht richtig begonnen«, schimpft Shi.

Der Strom aus Sonnenkollektoren kann im harten Konkurrenzkampf mit anderen Energieträgern einfach nicht mithalten – er ist zu teuer, kostet mindestens das Zehnfache wie der Strom aus der Kohle. Und so wirbt der ehemalige Professor rastlos für mehr staatliche Unterstützung.

O-Ton Shi Zhengrong
»Wir brauchen klare Zielvorgaben; zum Beispiel könnte man festlegen, dass bis 2010 etwa 0,1 Prozent des Stroms aus Solaranlagen kommen soll, bis 2015 vielleicht ein Prozent und bis 2020 fünf Prozent. Man kann die Zielvorgaben ja ganz niedrig ansetzen – aber zumindest hat man dann eine Orientierung. Bislang gibt es ja nur die Gesamtziele, aber keine Vorgaben für einzelne Technologien.«

Shi Zhengrong wünscht sich garantierte Einspeisungspreise und Investitionshilfen für Betreiber von Solaranlagen. Aber die staatliche Förderung in China beschränkt sich bislang auf ein paar Pilotprojekte. Und auf so genannte netzferne Anwendungen – also auf Gebiete, wo Menschen noch keinen Zugang zum regulären Stromnetz haben.

In China sind das immerhin noch weit über 30 Millionen Menschen, die in abgelegenen Dörfern und unzugänglichen Gebieten vor allem im Westen des Riesenreiches leben. Kleine unabhängige Solaranlagen können dort, für einzelne Haushalte Strom produzieren – für das elektrische Licht am Abend, für den Fernseher oder die Wasserpumpe.

Aber im Gesamt-Energiemix von China dürfte die Solartechnologie auf Jahre eine Nischentechnologie bleiben: Zu hoch sind die Investitionskosten und zu gering die Leistungen einzelner Photovoltaik-Kraftwerke. Und vor allem, sagt Frank Haugwitz von der GTZ, dauert der Bau der Anlagen zu lange.

O-Ton Haugwitz
»Gerade in den ganzen Ostprovinzen entlang der Küste steigt der Strombedarf schneller als das Wirtschaftswachstum. Um die industrielle Produktion ausgelastet zu sehen oder auszubauen, müssen Stromkapazitäten her, und die müssen schnell geschaffen werden. Und da schaffe ich es mit dem Bau von einem Kohlekraftwerk oder mit einem Gasdampfkraftwerk wesentlich schneller, viel an Stromkapazität zu schaffen, als mit dem Bau von einem Windpark oder mit Photovoltaik. Und die Stromversorgungslücke, die es nach wie vor gibt in China in der Größenordnung von ein paar Gigawatt, die muss schnellstens geschlossen werden.

China setzt deshalb wie so oft auf Masse. Und zählt auch schon mal die Atomkraft zu den erneuerbaren Energien – schließlich fallen dabei ja keine schädlichen Emissionen an, so das Argument. Bis zu 30 neue Kernkraftwerke könnten in den nächsten Jahren ans Netz gehen. Geplant sind auch weitere Mega-Staudämme, die den umstrittenen Drei-Schluchten-Damm am Jangtse an Kapazität noch weit übertreffen werden. Doch selbst Umweltexperte Eric Martinot vom Worldwatch-Institut sieht derzeit keine Alternativen.

O-Ton Martinot
»Wegen des schnellen Wachstums muss China alle Energieformen entwickeln – und zwar so schnell wie möglich. Es geht nicht um ein Entweder-Oder, um A oder B. Es geht um A und B und C und D. Alle Energieformen müssen gleichzeitig ausgebaut werden, um den großen Bedarf zu decken; denn das Wachstum wird sich in den nächsten ein, vielleicht sogar zwei Jahrzehnten kaum verlangsamen.«

Aber die Experten sind sich auch einig – im Wettrennen um die schnelle Energiegewinnung wird Chinas größte Energiequelle meist vernachlässigt – das Energiesparen und die Energieeffizienz. Jedes Jahr gehen dem Land Millionen von Kilowattstunden verloren – weil die Kraftwerke mit ihrer alten Technologie oft nur mit 30 Prozent Effizienz arbeiten. Oder weil sich in den meisten Wohnungen die Heizungen nicht regulieren lassen – außer durchs Öffnen der Fenster.

Im Sommer das umgekehrte Problem: Wenn in der Bruthitze in Schanghai und Peking die Klimaanlagen auf Hochtouren laufen, kommt es regelmäßig zu Versorgungsengpässen, weil dann bis zu 60 Prozent des Stroms in die Kühlanlagen fließt.

Verschwendung auch in der Industrie. Um eine Einheit seines Bruttoinlandsprodukts zu produzieren, verbraucht China ein Vielfaches mehr an Energie als andere Länder. Die Regierung will das unbedingt ändern, kündigte Premier Wen Jiabao vor einem Jahr auf seiner Pressekonferenz an:

O-Ton Wen Jiabao
»Im elften Fünfjahresplan haben wir folgende Zielsetzung festgeschrieben: Wir werden innerhalb der nächsten fünf Jahre den Energieaufwand pro BIP-Einheit um 20 Prozent reduzieren.«

Das, sagen Experten, ist ein extrem ambitioniertes Vorhaben. Und die Bilanz ist vorerst ernüchternd. In den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres ist nach offiziellen Angaben der Energieverbrauch pro BIP-Einheit nämlich weiter gestiegen. Von der 20-prozentigen Reduzierung ist China damit weiter entfernt denn je.

Atmo Dachgarten-Besichtigung

Aber die Aussichten sind nicht immer nur düster. Auf dem Dach eines unauffälligen Bürohauses im Zentrum Pekings führt Yang Guoxiong durch den Dachgarten des achtstöckigen Gebäudes. Schaut mal, ruft er, im Sommer wächst das Gras hier oben bis auf Kniehöhe. Selbst im grauen Pekinger Winter kann man das sommerliche Idyll in dem Garten erahnen, der auf künstlichem Vulkangestein angelegt ist. Das leichtgewichtige Gestein isoliert besonders gut. Im Sommer bleiben die darunter liegenden Stockwerke angenehm kühl; jetzt im Winter kühlen die Räume nicht allzu sehr aus, berichtet Yang.

O-Ton Yang Guoxiong
»Dieses Haus ist durch und durch grün. Es ist ein Beispiel dafür, wie man energiesparend, aber auch kostengünstig bauen kann.«

Das Gebäude – das das Forschungszentrum des Wissenschaftsministeriums beherbergt - hat es in der Tat in sich. Eine gute Wärmeisolierung, dreifachverglaste, gut abgedichtete Fenster, und ein ausgeklügeltes Heizungs- und Kühlsystem sorgen dafür, dass das Bürohaus nur ein Drittel so viel Energie verbraucht wie vergleichbare Gebäude. Yang Guoxiong führt mit sichtlichem Stolz einen steten Strom von chinesischen und ausländischen Besuchern durch die Räume. Und schmunzelt jedes Mal, wenn die Gäste die Lichtschalter suchen.

O-Ton Yang Guoxiong
»Bei uns werden die Lampen je nach der Intensität des Tageslichts automatisch an- und ausgeschaltet. Sensoren in den Räumen prüfen die Helligkeit. In der Nähe zum Fenster gehen die Lampen schon früh am Tag aus, in der Zimmermitte bleiben sie ein bisschen länger an – die Helligkeit der Glühbirnen wird ebenfalls automatisch angepasst.«

Bewegungsmelder prüfen außerdem, ob sich noch Menschen im Raum aufhalten. Wenn sich nichts bewegt, geht das Licht aus. Wer also am Schreibtisch einschläft, sitzt bald im Dunkeln, sagt Yang und grinst.

Atmo Computerzentrale

Gesteuert wird das Haus von einer Computerzentrale im Erdgeschoss. Auf den Bildschirmen blinken bunte Schaltkreise, sie zeigen Temperatur und Energieverbrauch an. Yang Guoxiong nimmt an einem der Computer Platz.

O-Ton Yang Guoxiong
»Hier können wir sehen, wie viel Strom unsere Sonnenkollektoren auf dem Dach beisteuern. Heute haben sie schon neun Kilowatt produziert – und das seit genau 8 Uhr 46 heute morgen.«

Aber Häuser wie dieses sind noch die absolute Ausnahme in China. Neubauten sollen zwar in Zukunft nicht nur mit 20, sondern sogar mit 50 Prozent weniger Energie auskommen. Aber Rob Watson, Experte für Grünes Bauen und Berater des chinesischen Bauministeriums, sagt, es wird noch Jahre dauern, bis die neuen Vorschriften auch tatsächlich eingehalten werden.

O-Ton Watson:
»Die Bauvorschriften sind relativ streng – vergleichbar mit denen in den USA. Aber die Durchsetzung – das ist in China ein echtes Problem. Außerdem gibt es bislang relativ wenig grüne Baumaterialien, und es fehlt an Designern, die die entsprechende Erfahrung haben. Vor allem aber fehlt die Infrastruktur, die Einhaltung der Regeln tatsächlich durchzusetzen.«

Es sei im Endeffekt billiger eine Kilowattstunde Strom zu sparen, als die entsprechende Menge Kohle abzubauen sowie das Kraftwerk und die dazugehörende Infrastruktur zu bauen, rechnet Watson vor. Man dürfe einfach nicht mehr so tun, als sei Energieverschwendung kostenneutral.

Atmo WWF-Kampagne

Aber mit ihren leidenschaftlichen Appellen zum Energiesparen stoßen Watson und viele andere immer noch auf taube Ohren. Vor einem großen Computerkaufhaus im Pekinger Haidian-Viertel ruft der World Wide Fund for Nature (WWF) an einem kalten Samstagvormittag zum Energiesparen auf. Die Message ist einfach: Mit 20 einfachen Schritten kann man 20 Prozent Strom sparen.

O-Ton Kind 1
»Benutzt Energiespar-Glühbirnen, ruft dieser Junge. Die sparen wirklich Strom.«

O-Ton Kind 2
»Zieht nach dem Gebrauch von Elektrogeräten den Stecker raus – das ist sicherer und spart auch Strom.«

O-Ton Kind 3
»Kauft kleine Autos – das schont die Umwelt und spart Geld.«

Aber kaum ein Passant nimmt von den WWF-Leuten Notiz. Wer in China nach Jahren der Entbehrungen in der kommunistischen Plan- und Mangelwirtschaft zu etwas Geld gekommen ist, investiert heute erst einmal in Konsumgüter, kauft Kühlschränke und Gefriertruhen, neue Hi-Fi-Anlagen, Fernseher und Computer. Und natürlich Autos und Klimaanlagen. Über Energieverschwendung macht sich niemand Gedanken, sagt Shi Zhengrong, der Solaranlagen-Hersteller und Milliardär aus Wuxi.

O-Ton Shi Zhengrong
»Den meisten Leuten – sowohl den Ingenieuren wie auch den ganz normalen Bürgern – fehlt es an Aufklärung über Themen wie Energiesparen oder die Energiekrise hier in China. Ich schätze über 95 Prozent haben einfach keine Ahnung.«

Doch die Umweltschützer geben nicht auf. Der China-Chef des WWF, Dermot O’Gorman, ist schon von Berufs wegen optimistisch. Auf lange Sicht, sagt er, werden die chinesischen Konsumenten begreifen, dass sie hart verdientes Geld sparen können.

O-Ton O’Gorman
»Wenn man seine Klimaanlage im Hochsommer auf 26 Grad stellt, was immer noch eine sehr angenehme Temperatur ist, kann man damit die eigene Stromrechnung um 15 Prozent drücken. Das ist schon eine riesige Einsparung. Wenn das jeder in China täte, könnte man den Energieverbrauch um 15 Prozent senken.«

Aber das ist, wie so viele andere grüne Träume, noch Zukunftsmusik. Gerade außerhalb der Millionenmetropolen wie Peking oder Schanghai geht es bislang noch um etwas ganz anderes: Dort, auf dem Land, ist China immer noch Entwicklungsland und muss den Anschluss an den Aufschwung erst noch schaffen.

Genau deshalb weigert sich China ja auch bislang, in Sachen CO2-Emmissionen bindende Grenzwerte zu akzeptieren, wie sie das Klimaschutzprotokoll von Kyoto den Industrieländern vorschreibt. Und das, obwohl China schon jetzt der zweitgrößte Emittent von Treibhausgasen ist und in wenigen Jahren die USA – bislang noch der größte Verschmutzer – übertreffen dürfte. Aber Lu Xuedu, Klimaschutzexperte im Wissenschaftsministerium, sagt, man müsse realistisch bleiben.

O-Ton Lu Xuedu
»Mehrere hundert Millionen Menschen in China leben immer noch unter der von der UN definierten Armutsgrenze – sie müssen also mit weniger als einem US-Dollar pro Tag auskommen. Millionen haben keinen Strom. Für international bindende Verpflichtungen fehlen uns einfach noch die Kapazitäten.«

Und dann sind da die machtpolitischen Interessen. Im Spagat zwischen Wachstum und der Erschließung neuer und nachhaltiger Energiequellen zählt in China bislang noch eher der kurzfristige Nutzen. Allen Appellen der Spitzenpolitiker in Peking zum Trotz, sagt GTZ-Mann Haugwitz.

O-Ton Haugwitz
»Es gibt Anzeichen dafür, dass die politische Durchsetzungskraft der Zentralregierung auf der Provinzebene nicht mehr ganz so stark ist wie in der Vergangenheit. Weil auf der Provinzebene ganz klar das Wirtschaftswachstum gemessen am GDP im Zentrum steht! Darüber können sich entsprechende Personen profilieren und sichern sich ihren weiteren Karrieregang.«

Denn im Einparteiensystem Chinas mag die Führung von grünen Energieformen und einer autonomen Energieversorgung träumen, aber wenn es drauf ankommt, hat die von der Parteispitze propagierte »harmonische Gesellschaft« doch Vorrang.

O-Ton Haugwitz
»Man muss auch gucken, dass die soziale Stabilität gewährleistet bleibt. Wenn ich auf Energieträger setze, die Sinn machen, aber länger brauchen, um Strom in dem Maße zu erzeugen, wie ich ihn schon heute brauche, und wenn die Konsequenz dann wäre, dass nur eine unterausgelastete Industrieproduktion stattfände, mit dem Resultat, dass Leute vielleicht freigesetzt werden oder nur teilweise beschäftigt sind – das liefert dann den Sprengstoff, und dass möchte natürlich keiner. Deswegen setzen entsprechende Provinzgouverneure erstmal primär auf Wirtschaftswachstum.«

Und so bleibt trotz der Ernsthaftigkeit der Pekinger Führung in Sachen erneuerbare Energie vieles noch in den Anfängen stecken. Sein Ziel, den Anteil der grünen Energieformen bis 2020 auf rund 16 Prozent zu steigern, dürfte China nach Meinung der Experten wohl schaffen. Aber weder auf die Kohle noch auf das importierte Erdöl wird China auf absehbare Zeit verzichten können. Und die damit verbundenen Umweltprobleme werden China noch auf Generationen begleiten.