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Vogue Beauty | 05/2008
Femme Vitale  
Erfolg, Rollen, Komplimente – Emmanuelle Seigner fällt alles zu. Kämpfe trägt sie nur im Fitness-Studio aus
Pause für Emmanuelle Seigner. Beim Fotoshooting für VOGUE BEAUTY muss der Hintergrund umgebaut werden. Beiläufig setzt sich die blonde Französin in ihrem knappen Outfit aus Stringtanga, großmaschiger Netzstrumpfhose und heller Bluse auf die Sofalehne, schwingt ihre langen Beine auf das Polster und starrt auf ihren Blackberry: "Heute ruft mich ja überhaupt keiner an!", echauffiert sie sich. Dass ihr die anwesenden Herren auf den halbnackten Po schauen können, darüber sieht sie hinweg. Viel mehr stört es sie, dass bei ihrer Agentin Patricia unentwegt das Handy klingelt.

An werbende Männerblicke ist Emmanuelle Seigner gewöhnt, im Film wie im realen Leben. Die Mutter zweier Kinder hat noch immer die Figur einer Zwanzigjährigen. "Ich bin sehr gesundheitsbewusst, habe noch nie eine Zigarette geraucht und trinke kaum Alkohol." Massagen sind das einzige Beauty-Treatment, das sie sich ab und an gönnt. "Dreimal die Woche treibe ich Sport, ich mag alle Kampfsportarten, vor allem Boxen und TaiChi." Mit dem chinesischen Schattenboxen begann Seigner nach einem ihrer letzten Filme. "Tai-Chi entspannt mich ungemein." Die grazilen Bewegungen, sagt sie, geben ihr Energie. Mit ihrer Begeisterung für die fernöstliche Disziplin steckte sie auch andere an. Als sie 2007 vom Pariser Fashionhaus Céline als Modell für die neue Werbekampagne engagiert wurde, begegnete sie der Designerin Ivana Omazic. "Wir verstanden uns auf Anhieb. Als ich ihr erzählte, dass ich Tai-Chi lerne, hat sie das zu einer Sportswear-Kollektion inspiriert. Sie hat sie mir gewidmet."

Wenig später steht sie in einem kurzen ecrufarbenen Seiden-Jumpsuit wieder vor der Kamera. Die Windanlage wirbelt ihre blonden Haare durcheinander und gibt den Blick auf ihre schweren Augenlider frei, die ihr diesen markant lasziven Ausdruck verleihen und sie mit Anfang zwanzig perfekt die mysteriöse Kindfrau mit Sexappeal verkörpern ließen. Roman Polanski engagierte sie damals für seinen Thriller Frantic. Das Image blieb ihr, Polanski ebenfalls. Dass sie den berühmten Regisseur nach den Dreharbeiten heiratete und ihm zuliebe weiterhin die Femme fatale spielte, machte die Sache nicht einfacher. Erst mit der beruflichen Abnabelung von ihrem Übergatten war Madame Polanski in der Lage zu zeigen, dass sie auch anders kann. Mit Nebenrollen in Filmen wie dem oscarprämierten "La Vie en Rose" und "Schmetterling und Taucherglocke" sowie ihrem Debüt als Sängerin war sie 2007 so präsent wie nie zuvor und überraschte selbst hartnäckige Kritiker.

Noch nie in ihrem Leben habe sie mehr Komplimente bekommen als heute. Noch nie mehr Angebote für Werbeaufnahmen und Filme. "Ich glaube, dass meine Karriere nun erst richtig losgeht", sagt sie. Warum sie ausgerechnet mit 41 Jahren an einer neuen Schwelle steht, darüber macht sich Emmanuelle Seigner keine großen Gedanken. "Jeder Mensch hat einen Höhepunkt in seinem Leben. Bei manchen kommt er früh und ist dann vorbei. Bei mir ist der Zeitpunkt eben jetzt da." Sie nimmt das mit einer Selbstverständlichkeit hin, die nur vom Leben verwöhnten Menschen zu eigen ist. Die langbeinige Schönheit mit den Katzenaugen gehört zu den Glücklichen, die finden, ohne zu suchen. Dinge passieren ihr – einfach so. Wie damals, als sie mit vierzehn bei einem Spaziergang im Park von einem Modelfotografen entdeckt wird, als sie in einem ihrer ersten Filme neben Harrison Ford spielen darf, als sie bei einem Restaurantbesuch neben Marc Jacobs sitzt, der sie umgehend zu seinem Rolemodel macht, oder als sie von der Rockgruppe Ultra Orange trotz ihrer mädchenhaft zarten Stimme überredet wird, eine CD aufzunehmen. "Mir ist immer alles zugefallen. Was zählt, ist, dass man seine Chancen nutzt und das Beste aus ihnen macht." Darin liegt ihre Stärke.

Nur mit ihrer Filmkarriere ist sie bisher nicht ganz zufrieden. "Ich suche noch nach dem Part meines Lebens." Ihr Traum sei eine Kostümrolle oder etwas Romantisches. Sie würde auch gern mal mit Quentin Tarantino oder Martin Scorsese drehen. Dass das nicht zusammenpasst, quittiert sie mit einem Achselzucken und sagt naiv: "Ich achte sehr auf mein Image und kann dabei gar nicht beschreiben, wie mein Image ist." Verlegen stützt sie ihr Kinn in die Hände und lächelt verführerisch. Eine Locke fällt ihr ins Gesicht und verdeckt ihre Augen bis zu den mädchenhaften Wangen. Ganz plötzlich ist Emmanuelle Seigner wieder genau das, was sie selbst nicht sein will, ihr Mann aber immer in ihr sah: die mysteriöse Kindfrau.