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Aargauer Zeitung | 06.03.2010
Bush erlebt zweiten Frühling  
Ein Jahr nach seinem Abgang ächtet Amerika den Ex-Präsidenten nicht mehr
Der altgediente Radiojournalist Bob Collins dachte, er sei übergeschnappt, als er vor einigen Wochen einen Blick auf eine Plakatwand entlang der Autobahn I-35 im Bundesstaat Minnesota erhaschte. «Miss me yet?» hiess es auf dem Plakat in Grossbuchstaben, «vermisst Ihr mich bereits?» Daneben prangte das Gesicht von George W. Bush mit einem feixenden Ausdruck. Rasch zeigte sich, dass Collins seine geistige Gesundheit nicht eingebüsst hatte – das Plakat war von Geschäftsleuten aufgestellt worden; eine nur halb-ironisch gemeinte Hommage an den 43. US-Präsident, dessen Bilanz angesichts des Leistungsausweises seines Nachfolgers nun gar nicht mehr so übel aussehe.

Noch ist der grosse Rest der Bevölkerung nicht bereit, ähnliche Milde walten zu lassen – obwohl doch den Amerikanern nachgesagt wird, sie litten unter politischem Aufmerksamkeitsdefizit. Der Texaner im Weissen Haus gilt in breiten Kreisen immer noch als gescheiterter Politiker. Gemäss einer aktuellen Umfrage von Fox News haben 55 Prozent der Bevölkerung eine schlechte Meinung von ihm, 38 Prozent eine gute. Allein: Die Hinweise mehren sich, dass Bushs achtjährige Amtszeit, die am 21. Januar 2009 endete, vor einer Neubeurteilung steht. So setzte jüngst just das linksliberale Magazin «Newsweek» die Schlagzeile «Victory at Last: The Emergence of a Democratic Iraq» aufs Titelbild. Gezeigt wurde das Banner aus den Anfangszeiten des Irak-Kriegs, vor dem Bush am 1. Mai 2003 voreilig die «erfüllte Mission» im Zweistromland gefeiert hatte. Nun, «sieben höllische Jahre später», könne Bush am Vorabend der irakischen Parlamentswahl mit Genugtuung auf das zarte demokratische Pflänzchen verweisen, schrieb das Magazin.

Der Ex-Präsident wurde kürzlich auch von Parteikollegen wie ein heimgekehrter Sohn gefeiert. An einem Treffen von Konservativen, der Conservative Political Action Conference (CPAC) in Washington, wurde die blosse Erwähnung des Namens Bush mit tosendem Applaus quittiert – obwohl rechte Republikaner zum Schluss seiner Amtszeit fast noch lauter über den ausgabefreudigen Präsidenten schnödeten als linke Demokraten. «Ich bin überzeugt davon, dass die Geschichte Präsident Bush viel freundlicher behandeln wird», sagte der republikanische Präsidentschaftsanwärter Mitt Romney.

Die einfachste Erklärung für diese nostalgischen Gefühle? Bush ist seit seinem Rücktritt abgetaucht. Er hat sich nicht nur Zurückhaltung auferlegt, sondern übt sie auch aus. Im Gegensatz zu seinem Vize Dick Cheney, der fast täglich gegen die Demokraten in Washington im Allgemeinen und Präsident Barack Obama im Speziellen wettert, meldet sich Bush nicht mehr zum Tagegeschäft zu Wort. «Meine Zeit ist vorbei», sagt er nur.

Abgesehen von rund 30 öffentlichen, unpolitischen Ansprachen im vorigen Jahr lebt der 63-Jährige zurückgezogen mit seiner Frau Laura im Nobelquartier Preston Hollow im Norden von Dallas (Texas). In ihrem Haus, erstanden für drei Millionen Dollar, schreibt «Dubya» an seinen Memoiren, die im Herbst 2010 erscheinen sollen. «Es wird die meisten Leute wohl überraschen, dass ich ein Buch schreiben kann, geschweige denn dass ich lesen kann», witzelt Bush.

Das Haus ist von der Öffentlichkeit gut abgeschirmt: Wer die beiden Sackgassen Daria Drive und Daria Place herunterfahren will, muss zuerst einen Sicherheitszaun passieren. Nur «Bewohner und Gäste» seien erwünscht, heisst es dort in Grossbuchstaben. Die Lokalzeitung berichtet, Bushs einstöckige Haus sei vergleichbar bescheiden, und habe «nur» vier Schlafzimmer und viereinhalb Badezimmer. Auch besitze ein Nachbargrundstück einen Helikopter-Landeplatz, den Bush nutze, um rasch in seiner Ranch in Crawford (Texas) zum Rechten zu sehen. Über den Präsidenten heisst es weiter, dass er den Ruhestand schätze. Gefragt nach der grössten Veränderung seit seinem Auszug aus dem Weissen Haus sagte er jüngst: «Verkehrsstaus.»

Das Haus weist einen grossen strategischen Vorteil auf: Die Nähe zum Campus der Southern Methodist University. Dort wird im Herbst der Grundstein für den George W. Bush Presidential Center gelegt – einer Kombination aus Museum, Bibliothek und Forschungszentrum, für deren Bau der Ex-Präsident bereits mehr als 200 Millionen Dollar gesammelt haben soll. Derzeit ist das ausgeschiedene Grundstück entlang einer Schnellstrasse noch eine umzäunte Brache, an deren Ende ein Tennisplatz steht. Ob sie auch künftig ihrem Lieblingssport nachgehen können, wüssten sie nicht, sagt einer der Tennisspieler. Einige Anwohner befürchten aber ein Verkehrschaos, weil das Institut mit 250.000 Besuchern pro Jahr rechnet.

Diese Besucherzahl wird viel über den Status von Bush aussagen. Der beliebteste Ex-Präsident war im vorigen Jahr Abraham Lincoln, gestorben 1865. Das ihm gewidmete Museum in Springfield (Illinois) wurde von über 400.000 Menschen besucht. Die Clinton-Präsidentenbibliothek in Little Rock (Arkansas) zählte hingegen nur 233.000 Besucher. Ein Indikator ist auch die Bestsellerliste der Firma Cafepress, die sich auf den Verkauf von T-Shirts und Kaffeetassen mit populären Sujets spezialisiert hat – sie meldet ein lebhaftes Geschäft mit Objekten, die den Spruch «Miss me yet?» zeigen.