Rheinischer Merkur | 16/2010
Der ganz normale Wahnsinn in Hongkong
Alles heiße Luft
Letztens wachte Hongkong auf und hatte schlimme Atemnot. Diesmal erwischte es alle. Nicht einmal die Superreichen oben auf dem Victoria Peak, wo sonst schon mal ein frisches Lüftchen weht, blieben verschont. Die ganze Stadt lag dick eingepackt in einem gelben, schlecht riechenden Nebel. Die meisten hielten das beim Blick aus dem Fenster zunächst für einen der üblichen Smog-Tage. Doch dann sickerten die ersten Nachrichten durch den trüben Äther. Einige Bürger streiften sich daraufhin erschrocken die Gesichtsmasken über. Hongkong erlebte die mit Abstand schlimmste Luftverschmutzung seiner Geschichte. Die Messwerte durchbrachen alle Indizes und verloren sich im Astronomischen. Allein die Feinstaubbelastung war 15 Mal höher als von der Weltgesundheitsorganisation maximal empfohlen. Bis abends um sechs hatten sich 112 Personen wegen Atembeschwerden ins Krankenhaus einliefern lassen. Das Atmen war zu einer regelrecht gefährlichen Angelegenheit geworden.
Luftpolitisch ist das hochmoderne Hongkong hinterwäldlerisch. Der Strom stammt aus dreckigen Kohlekraftwerken, in den Straßenschluchten dürfen noch immer rußende Uralt-Dieselfahrzeuge fahren, und die Hafenschiffe und Fähren pusten pechschwarze Wolken in die Luft. Wenn der Wind ungünstig steht, ziehen zudem die Industrieabgase aus dem Perlflussdelta nach Hongkong. Dort leben 50 Millionen Menschen, die in einem schier unendlichen Meer von Fabriken alles herstellen, was der Welt als „made in China“ bekannt ist. Mehr als ein Drittel des chinesischen Exports wird im Hongkonger Hinterland erwirtschaftet. Das ist super für die Hongkonger Wirtschaft. Bloß, was soll man da machen als atmender Mensch?
Ich wollte der Einstäubung meiner Lunge nicht länger zusehen und habe mir vor einem Jahr für die Wohnung ein Luftreinigungsgerät angeschafft, Schweizer Modell. Das war sehr teuer, Schweizer Modell eben, aber dafür atme ich jetzt guten Gewissens ein. Das leise Rauschen der Maschine ist zu meinem Hongkonger Begleitgeräusch geworden. Fehlt es, werde ich unruhig. Mag der Himmel draußen noch so neblig-gelb sein, ich atme Schweizer Luft!
Das Thema Luft ist ein Dauerbrenner in Hongkong, und das nicht nur wegen der Verschmutzung. Es geht hier um ein grundsätzlich unterschiedliches Verständnis von Luft.
Wenn man auf Deutsch „jemanden wie Luft behandelt“, heißt das, man ignoriert ihn. Luft gilt in Mitteleuropa offensichtlich als substanzlos, nicht existent! Ganz anders in Hongkong. Würde ein Hongkonger einen anderen Menschen so behandeln, wie er seine Luft zu Hause behandelt, hätte das gravierende Folgen. Die Person würde gereinigt (das ginge ja noch), herabgekühlt (schon unangenehmer) und getrocknet (ungesund)! Klimaanlagen gehören standardmäßig in jede Wohnung. Und ohne Luftentfeuchter kommt man auch nicht aus. Im Februar war die Luft so feucht, dass frisch gewaschene Wäsche vom Aufhängen eher nasser als trockener wurde. Ein Baguette, das an solchen Tagen drei Stunden an der Luft liegt, wird nicht hart und trocken, sondern zu Gummi. Als wäre all das nicht schon genug, braucht der Hongkonger, will er’s gemütlich haben, auch noch einen (das 4. Gerät!) Heizstrahler für die Wintertage. Manchmal fällt das Thermometer hier unter 10 Grad, und eingebaute Heizungen gibt es grundsätzlich nicht.
Man entwickelt in dieser Stadt eine besondere Beziehung zur Luft. Sie ist hier kein frei verfügbares und sofort konsumierbares Gut. In Hongkong ist Luft ein Rohstoff, der vor dem Inhalieren noch individuell veredelt werden muss.
Fenster zu, Maschinen los!