Beirut - Lebenslust und perfektes Make-up
WELTREPORTER.NET
global correspondents
DLR Wissen | 24.11.2010
Beirut - Lebenslust und perfektes Make-up  Beste deutsche Arbeitsprobe von Birgit Kaspar auf WELTREPORTER.NET
Beirut ist wieder in, gilt als Partyhauptstadt der Welt. Doch die Mittelmeermetropole leidet an den Narben der Vergangenheit und den Wunden der Gegenwart. Ein Stadtporträt
Audio Arbeitsprobe von Birgit Kaspar

Beirut ist wieder „in“. Europäische Reiseveranstalter haben die libanesische Hauptstadt wieder in ihre Kataloge aufgenommen. Die Medien kürten sie gar zur Welt-Partyhauptstadt. Beirut – der legendäre Phönix, der sich aus der Asche des Bürgerkrieges, des Krieges mit Israel 2006 sowie der jüngsten Welle innerlibanesischer Gewalt 2008 erhebt? Ja, aber es gibt auch Schattenseiten der Entwicklung:

Atmo Wellen schlagen gegen felsiges Ufer

Morgens um 7 an der Beiruter Strandpromenade, der Corniche. Sanft plätschern die Wellen gegen das felsige Ufer, eine salzige Brise weht vom Mittelmeer. Dutzende Frauen und Männer joggen, walken oder schwimmen. Selbst im Winter.

Atmo Wellen

Tamara, eine 20jährige Verkäuferin in knapper Shorts und pinkem T-Shirt kommt morgens vor der Arbeit mit ihrer eher züchtig gekleideten Freundin Zainab, die ein helles Kopftuch trägt, zum Frühsport. Wie dutzende andere.
„We love walking here. The water, the sun, the air, everything is very beautiful here.”

Atmo Musik

Die Corniche, eine vierspurige Straße vor glitzernden Luxushochhäusern mit einem breiten Bürgersteig direkt über den Klippen, schlängelt sich mehrere Kilometer entlang der felsigen Küste. Sie ist die Lunge Beiruts, sonst gibt es kaum öffentliche Grünanlagen. Und sie ist der einzige verbliebene Schmelztiegel für Libanesen aller sozialer Schichten und Konfessionen, betont die Architektin Mona Hallak, eine Aktivistin für den Erhalt des Beiruter Kulturerbes:

„ That is the only open space that you still do not pay to go into it. And if you go to the corniche at any time of the day you will see all types of people, just running there, taking their kids to play there. I think that line and the water will, I hope those will be free forever.”

Atmo Verkehr

Die 1,5 Millionen Metropole erwacht langsam. Frisch polierte Porsche, dicke Landrover und klapprige, rostige Mercedes-Taxis quetschen sich durch die Strassen. Die Schere zwischen Arm und Reich zeigt sich auch hier. Gemeinsam stehen sie im Stau.

Atmo Hupen

Die Infrastruktur ist der wachsenden Bevölkerungszahl sowie dem Andrang der Touristen - vor allem im Sommer aus den Golfstaaten - nicht gewachsen. Nicht nur der Verkehr bricht zusammen, auch die Stromversorgung.

Atmo Generator

Das Konzert von privaten Generatoren dröhnt den Beirutern für mindestens drei Stunden in den Ohren. Jeden Tag. Der Staat bringt es einfach nicht fertig, genügend Strom zu produzieren. Verantwortlich sind Missmanagement und Korruption.

Atmo Musik/ Atmo Place de l’etoile

Der Place de l’Etoile im Zentrum Beiruts. Ein Sri Lankisches Hausmädchen schiebt einen Kinderwagen vor sich her. Drei schwarz verschleierte Golfaraberinnen huschen in ein Cafe. Es sind fast ausschließlich Touristen, die zwischen den teuer und sehr geschmackvoll im alten Stil wieder aufgebauten Häusern flanieren. Bomben und Granaten der Milizen hatten diesen Bereich während des 15 jährigen Bürgerkrieges 1975 bis 90 fast vollständig zerstört. Der Murr-Tower und die Ruine des Holiday-Inn-Hotels mit ihren von Schüssen zerlöcherten Fassaden ragen mahnend in den blauen Himmel. Dass die Innenstadt überhaupt wieder aufgebaut wurde, ist ein Erfolg. Trotz des Preises einer dramatischen Staatsverschuldung. Doch das Leben, das findet heute woanders statt. Mona Hallak:

„We have lost downtown because what we still have in downtown are pretty buildings that have no soul and no cultural or economic or social significance. Everything that is within them and around them has nothing to do with the soul of downtown, it became a big shopping mall.”
Eine Shoppingmall der Edelmarken: Gucci, Armani, Dior und Chanel, alle sind sie hier vertreten.

Atmo Sama Beirut Baustelle

Sama Beirut – der Himmel von Beirut. Im Stadtteil Ashrafieh wird der mit 50 Stockwerken gigantischste Wolkenkratzer der Stadt aus dem Boden gestampft. Der Bauboom gilt als weiteres Zeichen des Aufschwunges. Doch er verschlingt die schönen alten Wohnhäuser im Art Deco oder französischen Kolonialstil, die einst den Charakter der Stadt ausmachten. So werden alten Wunden neue hinzugefügt. Die Architektin Hallak runzelt sorgenvoll die Stirn. Eine Immobilienmafia sei am Werk und die Regierung schaue zu:

„When it comes to money, everything in this city is for sale, ist amazing. History is for sale, identity is for sale, the soul of the city, the downtown has been sold – what do you want?”

Atmo Musik/unterlegen

Von dem Charme des so genannten „Paris des Nahen Ostens“ ist nicht mehr viel übrig. Beirut ist heute eine hässlich Stadt – von kleinen Oasen abgesehen. Ein Ort der Widersprüche. Geblieben ist jedoch der Charme der Beiruter.

„The people are so full of life and enjoy everything around them …(unterlegen)

Die Leute seien voller Lebenslust, schwärmt Mona Hallak. Sie seien kreativ und flexibel, Improvisationskünstler - mit einem Hang zum exzessiven Individualismus. Und: Wann immer es etwas zu feiern gibt, sind die Beiruter dabei. Zur Not auch, wenn um sie herum geschossen wird oder Bomben fallen.

Atmo Nightclub Basement

Freitagnacht im Basement, einem beliebten Club im Zentrum. Die Stimmung ist ausgelassen, einige junge Frauen tanzen auf den Tischen. Am Wochenende sind die Discos, Bars und Restaurants trotz hoher Preise überfüllt. Beirut wurde von der internationalen Presse zur Partyhauptstadt der Welt erkoren. Jade, beliebter DJ und Chef des Basement, zuckt die Schultern:

„The party in Beirut has never stopped. But lately I think there has been a lot of media attention, I think because of the war. So the Lebanese have this sense of enjoying life because they have lived a lot of conflicts and they know that conflicts are still going on but on a political level. They have the fear that everything can blow up.”

Jade, der auch in Berlin auftritt, beklagt den kommerziellen Mainstream des Nachtlebens.

„I say there is variety here but it’s still mainstream…. (unterlegen)”

Beirut biete viel Glamour, gestylte Fassaden, ausgezeichneten Service und hübsche Frauen. Für Touristen sei das attraktiv.

Atmo Meer, Wellen plätschern

Mohammed und Ahmed können es sich nicht leisten hunderte Dollars pro Nacht auszugeben. Sie kommen an die Corniche, bringen ihre Plastikstühle und Wasserpfeifen selbst mit.

„Wir genießen den Sonnenuntergang. Es ist der schönste Moment. Dies ist der beste Ort, um frische Luft zu schnappen.“

Atmo Musik

Das Leben genießen solange es friedlich ist, lautet die Devise aller Beiruter. Denn dass ein neuer Krieg kommt, daran haben sie keinen Zweifel.

Atmo Musik (ausblenden)