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Focus | 31/2011
Held der ruhigen Worte  
In Schock und Trauer finden die Norweger ein neues Vorbild - ihren Regierungschef Jens Stoltenberg
Die Last, die er trägt, ist ihm beim Gehen anzumerken. Aber er trägt sie. Der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg schleppt sich zum Rednerpult in der Osloer Domkirche - und hält die wichtigste Rede seines Lebens. "Wir werden unsere Werte nie aufgeben. Unsere Antwort ist: mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Humanität", sagt er mit mühsam gefestigter Stimme.

Dem 52-Jährigen, dies wird aus jedem seiner Worte deutlich, geht es um alles. Um Tod und Leben. Um den Tod von 77 Menschen und um das Leben, das die Norweger weiterführen müssen und wollen - trotz der Massaker vom 22. Juli.

Immer wieder, wenn Stoltenberg sich in der Woche nach dem Attentat und seiner Rede in der Kirche in der Öffentlichkeit zeigt, brandet Applaus auf.

Jens Stoltenberg - so heißt die Lichtgestalt in diesem entsetzlich düsteren Trauerstück. Ein Held der ruhigen und besonnenen Worte. Einer, der trauert, tröstet und klagt. Und auf schnelle Anklagen verzichtet.

Auch politische Gegner zollen dem Sozialdemokraten Respekt. "Er hat die Nation durch diese schmerzhaften Tage gelotst mit einer Stärke, Wärme und Sicherheit, die wir nur bewundern können und für die wir dankbar sein müssen", schreibt die Zeitung "Dagens Næringsliv", sonst kein Sprachrohr der Mitte-Links-Regierung. Stoltenberg, den die Norweger dreimal zum Ministerpräsidenten gewählt haben, ist in der Tragödie endgültig zum Landesvater gewachsen.

Er hat keine Angst zu zeigen, dass auch er mit den Tränen kämpft, und umarmt kräftig und lang - wenn es keine Worte mehr gibt.

Stoltenbergs politische Begabung liegt in der Familie. Mutter Karin war Staatssekretärin, Vater Thorvald jahrelang Minister. In Katastrophen zusammenzustehen - das lernten die Stoltenbergs. Sie mussten es lernen.

Ninni, die jüngere Schwester des Ministerpräsidenten, verfiel als 20-Jährige dem Heroin. Gemeinsam schaffte es die Familie, die junge Frau von der Sucht zu befreien.

Vater Thorvald erinnert sich noch heute daran, wie sein Sohn Jens - damals noch als Finanzminister - tagelang von der Klinik aus arbeitete, nur um bei Ninni am Krankenbett sein zu können. "Jens war schon immer sehr einfühlsam. Er ist so geboren."

Um deutliche Worte drückt er sich dennoch nicht. Norwegen, so hatte Jens Stoltenberg schon kurz nach den Attentaten klargemacht, erlebe und erleide die "schlimmste Untat seit dem Zweiten Weltkrieg". Und mit seiner Rede in der Osloer Kirche hatte er gerade durch den Appell zu noch mehr Toleranz die Schattenseiten des Landes angesprochen.

Es sei, so erklärt der bekannte Autor Øyvind Strømmen, zwar fantastisch, wie die Menschen in Norwegen jetzt reagieren. "Wichtig ist aber auch, wie es in den kommenden Monaten und Jahren weitergeht." Das Land habe Probleme, und diese müsse man jetzt auch ansprechen.

Die großen gesellschaftlichen Debatten, so fordert Strømmen, müsse man in Zukunft zivilisierter und offener führen. Insbesondere die Frage nach der "richtigen" Integrationspolitik. Politiker der rechtsliberalen Fortschrittspartei sehen Migranten bislang nur als Problem, die Linke hingegen weigert sich, Schwierigkeiten mit den Zuwanderern überhaupt nur anzusprechen. "Drogenprobleme im Einwanderermilieu, undemokratische Ideen, Homosexuellenrechte bis hin zu den Anforderungen, die an Sprachkenntnisse gestellt werden - all das hat vor allem die Linke nicht ernsthaft diskutieren wollen", klagt Strømmen.

Norwegen kennt auch andere Krisenthemen: So gilt die Metropole Oslo als die europäische Hauptstadt mit den meisten Heroinabhängigen, das Bildungsniveau lässt, gemessen am Reichtum, zu wünschen übrig, und die medizinische Versorgung für Schwerstkranke ist teilweise so schlecht, dass Krebspatienten eine beschwerliche Reise nach Deutschland auf sich nehmen müssen, um sich behandeln zu lassen.

Verschweigen und verzerren - das geht nun nicht mehr. Es war wohl auch diese Botschaft, die Stoltenberg bei seiner schon jetzt legendären Rede während des Trauergottesdienstes unter sein Volk bringen wollte.

Es seien einfache Worte, mit denen Stoltenberg nun die Norweger für sich eingenommen und getröstet habe, urteilt der Rhetorik-Professor Kjell Lars Berge. Hochtrabende und brillante Formulierungen seien nie die Stärke dieses Politikers gewesen. Klare, versöhnliche Botschaften, genau danach sehnen sich die geschockten Norweger jetzt.

Berichte über Mitmenschlichkeit, gegenseitige Hilfe und Solidarität füllen derzeit die norwegischen Zeitungen. Menschen riskierten ihr Leben für ihnen Unbekannte oder unterstützen sie zumindest auf irgendeine Weise.Menschen, die sich nie gesehen haben, blicken sich an und nehmen einander in den Arm.

Und sie fühlen sich von ihrem Regierungschef verstanden. Stoltenberg: "Ja, ich habe geweint und habe vielen gesagt, sie sollen nicht zögern zu weinen oder Trauer zu zeigen. Ich glaube, Offenheit ist für viele die beste Medizin. Die meisten brauchen einen Freund, jemanden, mit dem sie sprechen können, oder eine Umarmung."

Dass ein Ministerpräsident genau die Gefühle offen zeigt, die viele Bürger haben, trägt mit dazu bei, dass das ganze Land gemeinsam trauern, aber auch gemeinsam nach vorn sehen kann.

Einen anderen Weg wird Norwegen nicht wählen - glaubt zumindest Stoltenbergs Vater Thorvald. Die Anschläge, so sagte er gegenüber FOCUS, werden dazu beitragen, "uns noch stärker" zu machen, "Norweger und Einwanderer".