In der Mitte liegt die Rendite
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Investment Inside | 06/2011
In der Mitte liegt die Rendite  
Besuch beim Geldadel in der Provinz
Das „Carlyle on the Green“ atmet die Pracht vergangener Zeiten: Kronleuchter aus Alabaster, vergoldete Wasserhähne, Perserteppiche, die Wandvertäfelung aus Mahagoni. Ein Anwesen im Stil eines englischen Landhauses, gelegen auf Long Island, rund eine Autostunde von Manhattan entfernt, in der wohlhabenden Provinz.

Normalerweise werden in dem einstigen Gemeindehaus der Quäker Hochzeiten und Jubiläen gefeiert, von denen, die sich einen Gedeckpreis von 250 Dollar pro Person leisten können. An diesem Abend jedoch sind in dem Ballsaal mit den langen transparenten Vorhängen einige dutzend Sitzreihen aufgebaut: Die New Yorker „Association for Corporate Growth“, ein Networking-Verein von Geschäftsleuten, hat zur Podiumsdiskussion eingeladen. Das Motto: „Who’s Got the Money and How To Get to it“, Wer das Geld hat und wie man drankommt.

Rund 200 Teilnehmer sind versammelt, fast alles Männer, die meisten in teuren Anzügen. Man kennt sich – Hände werden geschüttelt, Schultern geklopft. Mittelständische Unternehmer sind gekommen, lokale Banker, Makler, Headhunter, Anwälte. Die Angestellte einer großen Manhattaner Wirtschaftskanzlei, die zum ersten Mal dabei ist, staunt: „Hier herrscht ja eine ganz andere Atmosphäre als in der City.“ Wenn die Wall Street ein Haifischbecken ist, dann ist das „Carlyle on the Green“ ein Goldfischteich.

Doch hier wie dort geht es, natürlich, um Geld. Während sich in Manhattan alles um die großen Deals dreht, stehen auf Long Island die „Middle Markets“ im Vordergrund. Der Begriff ist ebenso unscharf wie in Deutschland der des Mittelstands, aber über eines sind sich die Herren auf dem Podium einig: die Middle Markets brauchen dringend Kapital, und sie, die Diskutanten, können es beschaffen. „Wir haben selbst während der Krise Kredite vergeben“, brüstet sich Philip Panarelli, Senior Vice President der HSBC Bank USA.

Dass sich eine Führungskraft des globalen Riesen HSBC ins „Carlyle on the Green“ bemüht, um sich als Partner kleiner und mittlerer Unternehmen zu profilieren, scheint überraschend, ebenso wie die Zusammensetzung des übrigen Podiums. Claude Mattessich sitzt da, Senior Vice President einer Tochterfirma von Capital One, Amerikas achtgrößter Bank. Neben ihm Michael Scarangella, Managing Director bei der Investmentbank Morgen Stanley und als solcher zuständig für einen Fonds namens „Morgan Stanley Credit Partners“. Es ist Morgan Stanleys erster Mezzanine Fonds für mittelgroße Firmen, im vergangenen Jahr aufgelegt. 956 Millionen Dollar hat der Fonds bei Investoren eingesammelt. Akquisitionen, Umstrukturierungen, Leveraged Buyouts, Refinanzierungen – „wenn ein Unternehmen mit 20 Millionen Umsatz 50 Millionen Kredit aufnehmen will, dann kommen wir ins Spiel“, sagt Scarangella. Oder wenn ein anderer Darlehensgeber, um sein Risiko zu diversifizieren, jemanden suche, der sich an einem großen Kredit beteilige.

Immerhin einer ist da, den man auf Anhieb mit Mittelstand assoziiert: Warren Feder, Partner einer kleinen Investmentbank mit dem schönen Namen Carl Marks. So hieß der Mann, der die Bank 1925 gründete, und noch heute ist das Institut in Familienbesitz. Feder gibt als Zielgruppe Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 10 bis 300 Millionen Dollar an und verspricht: „Wir besorgen billige, langfristige Finanzierungen. Die Investoren sind wieder bereit, verbriefte Kredite zu kaufen.“

Weshalb ist der Mittelstand plötzlich so interessant, selbst für Top-Banken? Die Erklärung ist einfach: Große, professionelle Unternehmen können sich derzeit kaum bessere Bedingungen wünschen, um sich auf dem Markt für Risikoanleihen Kapital zu beschaffen – angesichts des Niedrigzinsumfelds stürzen sich viele institutionelle Investoren geradezu auf die Anleihen, die derzeit Renditen von durchschnittlich rund sieben Prozent einspielen. Im April beispielsweise wollte der Satelliten-TV-Betreiber Dish Network aus Englewood (Colorado) Kapital in Höhe von einer Milliarde Dollar aufnehmen. Am Ende gab er Bonds im Wert von zwei Milliarden aus, weil die Nachfrage so groß war – obwohl Moody’s und Standard&Poor’s die Anleihen als Junk einstufen, mit Bewertungen von mit Ba3 und BB minus. Die Rendite für Anleger: 6,875 Prozent,

Doch für viele kleinere und mittlere Unternehmen ist der High-Yield-Markt nicht das ideale Instrument zur Kapitalbeschaffung – weil sie sich nicht auskennen, von Analysten nicht beobachtet werden oder sich auf Spezialmärkten bewegen, die für Anleger schwer einschätzbar sind. Sie sind daher meist auf Bankkredite, Private Equity oder spezielle Mezzanine-Fonds angewiesen, wenn sie akquirieren oder umschulden möchten.

Für die Banken wiederum sind die mittelständischen Unternehmen eine interessante Zielgruppe, weil sie einerseits traditionell als stabil gelten. Andererseits können viele Schuldner schon wegen ihrer Größe im Verhältnis zur benötigten Kreditsumme weniger harte Sicherheiten bieten als Konzerne. Die Risikoprämien sind daher ansehnlich, Renditen von 15 Prozent beispielsweise sind bei Mezzanine Kapital keine Seltenheit. Das ist in der Niedrigzins-Phase seit der Finanzkrise besonders attraktiv für Investoren und damit auch für die Banken – zumal durch neue Regulierungen andere Geschäftsfelder wie Kreditkarten weniger abwerfen werden als bisher.

Gerade kleine und mittlere Unternehmen hatten während der Finanzkrise größte Schwierigkeiten, an Darlehen zu kommen, klagten damals US-Mittelstandsvereinigungen. Jetzt kann es den Banken offenbar nicht schnell genug gehen. Im „Carlyle on the Green“ beschwert sich Claude Mattessich von Capital One: „Es gibt noch zu wenig Nachfrage nach Wachstumskrediten. 80 Prozent der Aktivitäten ist Refinanzierung.“

Morgan-Stanley-Banker Scarangella ist optimistischer. „In den letzten Wochen haben die Deals zugenommen“, sagt er, „es gibt wieder mehr Private-Equity-Firmen, die Leveraged Buyouts finanzieren.“ Mit dieser Beobachtung steht er nicht allein: Laut einer Umfrage im Auftrag der Beratungsgesellschaft Duff & Phelps unter Private-Equity-Managern in den USA erwarten 68 Prozent eine deutliche Zunahme von Deals – von lukrativen Deals: Ein Viertel der amerikanischen FInanzinvestoren strebt Renditen von über 25 Prozent an.

Für Gary Rosebud (Name geändert), der im Publikum sitzt, ist das eine gute Nachricht. Mehr als vier Jahre war der Manager aus Connecticut CFO einer Firma, die einen neuartigen Zustellservice anbot. Noch heute schwärmt Gary von den Jahren vor der Finanzkrise, als Geld in Hülle und Fülle vorhanden war und sich die Kapitalgeber, um investieren zu dürfen, mit Zugeständnissen überboten. Von wegen Kontrolle – 75 Millionen Dollar hätten sie bekommen und damit im Grunde machen können, was sie wollten. Das Problem: Hauptgeldgeber war ein Tochterunternehmen von Lehman Brothers. Nach der Pleite der Bank wurde Garys Unternehmen erst verkauft und später abgewickelt. Jetzt ist der Finanzfachmann auf der Suche nach Kapital, das er in Marktforschungsfirmen investieren will.

So locker wie vor der Finanzkrise sitzt das Geld der Investoren freilich nicht, sagt Capital-One-Banker Mattessich. „Heute werden die Unterlagen akribisch geprüft – und wir gehen dabei auch schon mal fünf Jahre zurück.“

Dann zieht vom nahen Meer Nebel herauf, die Podiumsteilnehmer sehen nervös auf die Uhr, weil sie noch nach New York zurück müssen, und die Diskussion ist ziemlich schnell zu Ende. Viele Zuhörer haben es nicht so eilig. Sie nehmen an der großen Bar noch einen letzten Drink und diskutieren, welcher Referent den besten Eindruck gemacht hat. Die Mitarbeiterin der Wirtschaftskanzlei ist nicht dabei. Auch sie hat bereits die Rückfahrt angetreten – ins Haifischbecken von Manhattan.