art online | 30.09.2011
Der Besuch der alten Dame mit dem Hirst
Eine reiche Mäzenin kehrt immer wieder in ihre dänische Heimat zurück, um den dortigen Museen teuerste Kunst zu vermachen. Diesmal beauftragte sie Superstar Damien Hirst, eigens für Arken vor den Toren Kopenhagens ein "Spot Painting" in noch nie dagewesener Größe zu produzieren. Doch was hat die Öffentlichkeit von dieser Guinness-Buch-der-Rekorde-Kunst?
Da hängt es nun also, das größte Spot Painting der Welt. 176 Farbkreise auf weißem Grund - über 14 Meter lang ist es und über 4 Meter hoch und damit über 65 Quadratmeter groß. Ohne Wörter wie „über“ lässt sich Damien Hirsts Kunst gar nicht beschreiben, Komparative und Superlative scheinen immanent. Zugleich lässt es sich kaum vermeiden „überdimensioniert“ oder „überheblich“ aus den Gedanken zu verbannen. Denn ist Größe hier nicht irgendwie zum Selbstzweck geworden?
„2-Amino-5-Bromobenzotrifluoride“ – so der aus der Medizinalindustrie geholte Titel – ist eine Auftragsarbeit, bestellt von Jytte Dresing. Die gebürtige Dänin hat in die Familie des Erben des Pharma-Herstellers Ferrosan eingeheiratet und sich – anfangs mit ihrem mittlerweile verstorbenen Mann Dennis – zu einer der wichtigsten Mäzene der dänischen Museumsszene entwickelt. Über „The Merla Art Foundation“ hat sie vermutlich sehr tief in die Tasche gegriffen, um Arken einen riesigen Hirst-Saal zu bestücken. Ganze acht Werke sind geschenkt worden, dazu zwei Leihgaben von Künstler und Galerist.
Es gibt Regenjacken, die ähnliche Muster haben und vermutlich auch Plastiktischdecken. Das riesige Spot Painting wird sicher zahlreichen Arken-Besuchern ein „Das kann mein Kind auch“ entlocken. Spott – mit doppel-t also – ist bei Hirsts Werk manchmal durchaus nicht unangebracht, doch selbst wenn, welches Kind macht ihm bitteschön den riesigen finanziellen Erfolg nach?
Gehässig heißt es auf dem dänischen Kritiker-Blog denfri.dk: „Damien Hirsts großes Talent als Künstler ist, Sammler und Institutionen als die Idioten dastehen zu lassen, die sie wirklich sind und diese gleichzeitig den Künstler dafür bezahlen zu lassen. Wo wenn nicht ins Geburtsland von Hans Christian Andersen gehört solch ein Werk?“
Hirst müsste der Lieblingskünstler der Ökonomen sein. „Conspicious Consumption“ heißt ein vom Wirtschaftstheoretiker Thorstein Veblen geprägter Begriff. Gemeint ist der Konsum sehr teurer Erzeugnisse, vor allem, um seinen Reichtum zur Schau zu stellen. Die Werke von Hirst gehören zu jenen, die fast jeder erkennt und sind deshalb bestens für den „Geltungskonsum“ (so der holprige deutsche Ausdruck) geeignet.
„Statens Museum for Kunst hat Matisse, Louisiana hat Giacometti und wir haben nun Hirst“, sagte bei der Präsentation der Schenkung Museumsdirektor Christian Gether. Einmal mehr hat er sein Talent bewiesen, bei privaten Förderern eine Menge Unterstützung zu bekommen und der neue Hirst-Saal ist eine Bereicherung für das Museum und die dänische Kunstszene.
Doch mit Matisse und Giacometti gehört Hirst allenfalls vom Preisniveau in die selbe Liga. Ausgerechnet das stärkste Werk – seine zwei in Formaldehyd eingelegte vordere Hälften von Kühen – ist eine jener zwei Arbeiten, die der Künstler gemeinsam mit seinem Galeristen Jay Jopling von White Cube dem Museum „nur“ für ein Jahr leiht.
Hirst hin oder her, die zwei temporären Ausstellungen mit Olafur Eliassons Nebel-Tunnel „Dein blinder Passagier“ und Warhol / Basquiat in den anderen Räumen von Arken brauchen sich nicht zu verstecken. Glanzstück das Basquiat-Selbstportrait aus der Sammlung Thaddaeus Ropac. Die Silhouette des wilden Künstlers hat der österreichische Händler und Sammler (sofern es denn seine eigene Wahl war) in einen klassisch schlichten dunklen Rahmen mit goldener Zierleiste gesteckt – es kommt eben doch nicht immer auf Größe an.