Audio Arbeitsprobe von Alkyone Karamanolis
ATMO: LÄDT EIN ZU KAFFEE + KAFFEEKOCHEN + BEATS
Um diese Uhrzeit braucht er erst mal einen starken Kaffee. Es ist kurz nach fünf. Draußen wummern immer noch die Beats aus den nahegelegenen Bars. Spyros gibt Kaffeepulver und Zucker in den kleinen Topf auf dem Gaskocher und raucht die ersten paar Zigaretten des Tages. Dann setzt er sich mit seinem Becher auf die Terasse – die nichts anderes ist als die Spitze des Felsens, der die Bucht von Matala einfasst. Als es dämmert und Meer und Himmel sich trennen, bricht er auf. Rauf auf den Berg. Wie jeden Tag.
ATMO GEHEN
ZUSPIELUNG 1 – Mann Overvoice
Ich bin immer gerne gewandert. Es gibt nichts schöneres als hier oben zu sein, wenn die Sonne aufgeht. Dort, das ist das Boot von Giorgos, dem Fischer. Und da drüben, da baden schon die ersten.
Spyros blickt in die Ferne. Unter ihm breitet sich Matala aus. Ein kleines Dorf in einem weiten Tal. Früher haben die Menschen hier Wein und Weizen angebaut. Heute stehen an Stelle der Weinplantagen Hotels und Pensionen. Seit die Hippies Matala in den 60er Jahren berühmt gemacht haben, lebt der Ort an der Südküste Kretas vom Tourismus. Spyros schreitet mit kräftigen Schritten voran, vorbei an wildem Thymian und anderen herb duftenden Kräutern - bis er ein Felsplateau erreicht. In dessen Vertiefungen sammelt sich im Winter das Meerwasser. Wenn es im Sommer verdunstet, bleibt das Salz zurück. Es sei besser als das aus dem Supermarkt. Milder.
ATMO SALZ
Spyros füllt eine Plastiktüte. Dann geht es weiter über den Felsen. In der Antike diente er als Steinbruch; die Spuren der Meißel sind heute noch erkennbar. Vorneweg läuft der Hund. „King of the Street“ heißt er. Manchmal ruft Spyros ihn auch „Bush“. Oder vertraulicher: „George“. Nach gut einer Stunde geht hinter den Bergen die Sonne auf.
ATMO HELLO EVERYBODY AT HOME? UND UNTERHALTUNG, ATMO DRAUSSEN
Auf dem Weg nach Hause schaut Spyros bei Bruni vorbei. Ihr Haus liegt direkt am Dorfeingang. Vor gut 20 Jahren ist die Münchnerin zum ersten Mal nach Matala gekommen – von da an hat sie fast jeden Urlaub hier verbracht. Als sie in Frührente ging, hat sie ihren Lebensmittelpunkt nach Matala verlegt.
ZUSPIELUNG 2 - deutsch
Für mich ist Matala ein mystischer Ort…
.. sagt Bruni …
ZUSPIELUNG 3 - deutsch
.. weil ich gelernt habe hier loszulassen und viel freier zu sein.
Sie fährt sich übers weißblond gefärbte Haar und sucht nach den Worten, die dem Matala-Einsteiger erklären könnten, was diesen Ort ausmacht.
ZUSPIELUNG 4 - deutsch
Für mich hat der Felsen was damit zu tun. Ich sitze oftmals hier und schaue auf den Felsen und aufs Meer und merke wie ich richtig Energie bekomme und mein Leben ganz anders gestalte. Und ich habe in Matala gelernt, allen Menschen ohne Vorurteilen gegenüber zu treten. Und das ist so interessant, und man lernt dadurch so viel für sich selber.
Spyros hat sich derweil auf die Terasse gesetzt und raucht die Zigaretten, die er während der Wanderung verpasst hat. Bruni wundert sich nicht über den Besuch zu so früher Stunde. Sie hat gelernt, die Dinge so zu nehmen wie sie kommen. Auch das habe sie Matala gelehrt. Nach München fährt sie nurmehr selten. Zu viel Stress dort, sagt Bruni. Zu wenig Freiheit. Spyros bricht auf; Bruni zieht an ihrer Zigarette. Der Tag liegt vor ihr. Weit, offen, unbegrenzt. Wie jeder Tag in Matala.
ATMO MEER, STIMMEN, STRAND
Am Strand werden um diese Zeit die ersten Badetücher ausgebreitet, und die Touristen machen sich auf zu den Höhlen am Ende der Bucht. Wohnen darf man darin schon lange nicht mehr. Die Höhlen stehen unter Aufsicht der archäologischen Behörde. Ein Schild am Zaun weist sie als „Nekropole der Römerzeit“ aus. Ein in den Fels gehauener Friedhof. Hier suchten die Blumenkinder das wirkliche Leben.
ATMO KURZ FREI
ZUSPIELUNG 6 – Frau Overvoice
Früher war das hier keine Tür sondern nur ein Fenster. Wir hatten eine rosa Decke davor gehängt. Und hier ist das Totenbett. Das ist auch etwas erodiert. Es war auf Höhe der Schultern breiter und am Fußende schmäler. Man konnte also nur auf dem Rücken schlafen, mit über der Brust gekreuzten Armen. In der ersten Nacht war das ganz schön unheimlich. Man fing an, über den ursprünglichen Bewohner dieser Bettstatt nachzudenken und über Leben und Tod..
Shirley ist zurück gekommen. Von San Francisco nach Matala. Diese Tage wird im Ort ein Buch vorgestellt über die Hippie-Jahre hier, geschrieben von einem mittlerweile pensionierten Journalisten aus Bremen, der einmal als Student in Matala war. Aus dem als Ehemaligentreffen geplanten Event ist ein Festival geworden. Der Strand ist voll, der Ort auch. Als Shirley das letzte Mal hier war, gab es im Dorf hingegen nicht einmal Strom und fließend Wasser. Am Wochenende kamen Leute aus der Gegend, um die Hippies in den Höhlen zu bestaunen. Aber auch ihre eigenen Landsleute waren neugierig, erzählt Shirleys Schwester Pam:
ZUSPIELUNG 7 – Frau Overvoice
Ich hatte einen riesigen Spaß, wenn die Tourbusse aus England kamen. In der Regel waren das ältere Leute, wenn wohl auch jünger als ich es heute bin. Sie hatten von uns gehört. Wir haben also unsere Höhlen extra aufgeräumt, haben Teppiche ausgelegt und in unserem besten britischen Akzent gesagt: „Treten Sie doch bitte ein“. Und: “Hätten Sie wohl gerne eine Tasse Tee?“
Wer zum ersten Mal kam, erinnert sich Pam, wohnte in einer der oberen Höhlen – und arbeitete sich sukzessive nach unten. Die am bequemsten zu erreichende Höhle war das „Hilton“ oder: „Cave Number one“. Die Höhle, in der sich die Gemeinschaftsküche befand, lag etwas höher. Pam und Shirley kraxeln erstaunlich behende über den Felsen.
ZUSPIELUNG 8 – Frau Overvoice
Hier haben wir gekocht. Das Wasser mussten wir am Dorfbrunnen holen. Und wenn wir keine Streichhölzer hatten, haben wir zwei Stöcke aneinander gerieben. Ziemlich ursprünglich! Aber genau das war die Magie. Dieses Leben im Einklang mit der Natur.
Manchmal haben die Blumenkinder Knochen gesammelt und damit Schmuck gemacht oder die Höhlen dekoriert. Manchen ging das Geld aus – dann brachte die Bäckerin aus dem Dorf, von allen Mama gennant, zu Essen. Doch als sich das Militär Ende der 60er Jahre in Griechenland an die Macht putschte, änderte sich alles. Auch in Matala, erzählt Arn Strohmeyer, der Autor. Die Hippies, von der Kirche schon lange kritisch beäugt, sollten nun endgültig verschwinden.
ZUSPIELUNG 9 - deutsch
Das hat sich über mehrere Sommer hinweggezogen. Die Polizei kam immer wieder, und wenn die weg waren, sind die Hippies wieder in die Höhlen. Das war so ein Spiel, das sich abgespielt hat. Aber Mitte der 70er war es dann endgültig vorbei. Auch weil das Dorf dann touristisch wurde. Die Hippies waren ja der Trendsetter für den Tourismus.
ATMO MEER UND KIESEL
Die Bucht von Matala wird von zwei Felsen eingefasst, die weit ins Meer ragen. Die Höhlen sind in den rechten Felsen gehauen. Gegenüber reiht sich eine Bar an die andere. Dazwischen das Dorf, das eigentlich gar keines ist. Wer in Matala ein Haus hatte, hat es in eine Pension umgewandelt, in ein Geschäft oder eine Taverne und ist selber weggezogen. Vermieten ist lukrativer. Matala lebt von seinem Mythos. Wenn die Saison zu Ende geht, wird der Ort zur Geisterstadt. Dann bleiben nur ein paar Hartgesottene. Wie Spyros zum Beispiel.
ATMO UNTERHALTUNG
Der ist inzwischen von seinem Spaziergang zurück. Sein Haus liegt dort, wo der Fels ins Meer abfällt. Das unendliche Blau, der Horizont – alles seins. Für den Abend erwartet er eine nicht genauer bezifferte Zahl von Freunden. Wie praktisch jeden Abend. Der gastfreundliche Zeus… Der Vergleich gefällt Spyros, und tatsächlich sieht er auch ein wenig aus wie der Göttervater - mit seinem Rauschebart und der langen weißen Haarmähne. Matala ohne Spyros wäre undenkbar. Früher hat er in seinem Häuschen eine Bar betrieben. Die Odyssee-Bar. Noch heute besuchen ihn alte Stammgäste. Einsam, nein, einsam sei er nie. Nicht einmal im Winter. Spyros Haus ist eine zentrale Anlaufstelle in Matala. Manchmal müsse er seine Freunde geradezu rauswerfen. Denn im Winter arbeitet Spyros. Wenn auch nur so viel wie gerade nötig. Er malt, er schreibt Liedertexte und Musik. Oft auf seiner Terasse sitzend; hoch über dem lybischen Meer.
ZUSPIELUNG 10 – Mann Overvoice
Man wird hier zum Träumer. Wer nicht zu träumen versteht, ist kein Künstler. Wer nicht träumt, weiß auch nicht, was Liebe bedeutet. Der Blick über das Meer, der Sonnenuntergang … Unsere Träume sind das, was uns am Leben hält. Das gilt nicht nur hier in Matala sondern überall auf der Welt. Ohne Träume ist der Mensch tot.
ATMO ZEIGT HAUS
Spyros führt ins Haus. An einer Wand hängen eigentümlich aussehende Musikinstrumente. Eine Mandoline mit Hörnern und Ziegenbärtchen, ein wild angemalter Bass - Eigenkonstruktionen. Spyros würde gerne etwas darauf spielen, aber der Verstärker funktioniert zur Zeit nicht. Also holt er einen verstaubten CD-Player aus einem Küchenregal, um einen seiner Songs vorzuspielen. Wenn wir Glück haben, sagt er, funktioniert der.
ATMO SINGT ZU CD UND LACHT
ATMO BAR UND BRUTZELN KOHLEFEUER
In einer Bar, keine hundert Meter weiter, sitzt Giorgos der Fischer am Tresen. Hinter ihm brutzeln Lammkotelettes über einem Kohlefeuer. Giorgos, Mitte 60, gehört zu Matala wie das Meer und der Felsen. Hinter dem Ohr trägt er eine rote Blume. Sie symbolisiere Liebe und Happiness. Der Fischer und die Flowerpower. Denn als der Fischer Giorgos aus Matala, Sohn des Fischers Franziskus aus Matala, die Hippies kennen lernte, trafen zwei Welten aufeinander, die zusammen gehörten.
ZUSPIELUNG 11 – Mann Overvoice
Was mir an den Hippies gefallen hat? Dass sie gelebt haben! Einfach gelebt! Ohne Sorgen! Ohne Probleme! Freiheit! Ein Feuer am Strand, eine Flasche Wein - und Sex. Sonst nichts. Ach doch, Marihuana natürlich!
Heute sei von diesem freien Leben nichts mehr übrig. Heute regiere auch in Matala das Geld.
ATMO: MONEY MONEY
„Geld, Geld“, bellt Giorgos in Richtung eines ahnungslosen Touristen – und freut sich über dessen Verunsicherung. Giorgos ist seinen Idealen treu geblieben. Bis letztes Jahr hat er noch nicht einmal Schuhe getragen. Erst als er sich Glasscherben eingetreten hat und zwei Monate lang nicht gehen konnte, hat er sich Schlappen besorgt. Sein Lebensmotto hat er in großen bunten Lettern an eine Stützmauer am Strand gepinselt:
ZUSPIELUNG 12 – Mann Overvoice
“Willkommen in Matala. Lebe den Tag – ein Morgen gibt es nicht. George.“ Es war die Idee einer Australierin. 1976. Wir waren ein Jahr lang zusammen. Schön war sie! Sie hat gesehen, wie ich lebe: Fischen, Essen, Sex. Sie hat erkannt, dass mich das Morgen nicht interessiert. Morgen..! Weißt du wie viele Menschen bis morgen sterben werden? Millionen! Bei jedem Sekundenschlag sterben zwei. Willst du also etwas tun, tu es heute!
Der Barmann stellt ihm einen Teller Essen hin. Giorgos sei umwerfend schön gewesen, sagen die Frauen im Dorf. Sein Haar ist heute noch dunkel, nur der Bart ist grau meliert. Er hat viele Freundinnen unter den Touristinnen gehabt. Im Winter hat er sie besucht. In Frankreich, Deutschland, Großbritannien. Aber bleiben wollte er nicht: So wie Matala sei kein anderer Ort auf der Welt, sagt Giorgos und fängt an zu schwelgen:
ZUSPIELUNG 13 – Mann Overvoice
Wir haben ein Feuer gemacht am Strand. Joni Mitchell stand in der Mitte, und wir saßen im Kreis. Es gingen Haschischpfeifen rum. Und Joni Mitchell hat Gitarre gespielt und gesungen… (singt selber)
Das ehemalige Mermaid-Café, das Joni Mitchell besingt und in dem die Hippies viel Zeit verbracht haben, gibt es nicht mehr. An seiner Stelle steht nun ein zweistöckiger Bau. Einer von denen, die die Sicht aufs Meer verstellen. Wenn es dagegen nach Giorgos ginge, hätte alles so bleiben können wie in den 60ern. Sie hatten alles, was sie brauchten, sagt er. Nur die anderen, die hätten es immer noch nicht verstanden und dächten immerzu ans Geld. Wozu?, fragt Giorgos und nimmt einen Schluck Wein.
ZUSPIELUNG 14 – Mann Overvoice
Zwei mal ein Meter Erde. Darauf läuft es am Ende hinaus. 2x1 Meter. Für alle von uns! Dass man arbeitet, o.k. Von irgendetwas muss man ja leben. Aber das Leben, das Leben ist heilig. Es ist wichtiger als die Arbeit und wichtiger als das Geld. Das Leben lässt sich mit nichts aufwiegen. Sag das in Deutschland. Ein barfüßiger Kreter habe dir gesagt, dass das Leben mehr wert ist als alle Banken, Ozeandampfer und Schätze der Welt!
Giorgos lädt auf eine Bootstour ein. Er muss ohnehin aufs Meer – die Netze auswerfen.
ATMO DORF UND SPÄTER MUSIK
Zur verabredeten Zeit ist Giorgos nicht daheim. In seinem Garten wuchern hohe Basilikumstauden, Rettungsringe baumeln über Tomatenpflanzen, und eine schwarze Piratenflagge weht im Wind. Eine Stunde später: immer noch nichts. Dann kommt er auf seinem Moped angefahren, steigt ab, bahnt sich wortlos einen Weg nach drinnen - und macht Musik an. Die Lautstärke entspricht seinem Herzschmerz. Das Fischen heute fällt aus.
ATMO STRAND
Am Strand führt ein Holzsteg über den heißen Sand hinüber zu den Höhlen. Rechts und links davon haben Schmuckverkäufer ihre Stände aufgebaut. Kamilla, 31, knüpft gerade ein Makraméband. Sie könnte einem schwedischen Kinderbuch entsprungen sein: rotblondes Haar, Stupsnase, Kulleraugen. Vor rund zehn Jahren hat sie ihre Stelle in einem Ministerium im Tschechien aufgegeben und ist aufgebrochen, um Europa zu Fuß zu durchqueren. Gemeinsam mit Richard, ihrem Freund. In Matala sind sie hängen geblieben. Vor fünf Jahren. Vielleicht auch vor sechs. Genau weiß Kamilla es nicht. Seither leben sie in einer Höhle – nicht in Matala, sondern an einem Strand in der Nähe, wo das noch möglich ist.
ZUSPIELUNG 15 – Frau Overvoice
Sicher ist das ein hartes Leben. Aber für mich gibt es keine Alternative mehr. Ich könnte nicht zurück. Es ist hart, aber ich fühle mich lebendig.
Ein Haus sei nichts anderes als ein Käfig, sinniert Kamilla und sucht in einer Tasche voller bunter Bänder nach dem nächsten Faden für ihr Makramé. Ein Käfig aus Beton. Hier in Matala dagegen könne sie frei sein, die Menschen seien freundlich und tolerant. Im Sommer, wenn es in den Höhlen zu warm ist, schläft sie am Strand. Ihr Dach ist der Himmel, ihr Badezimmer das Meer. Nur zweimal in all den Jahren hat sie ihre Familie besucht. In Tschechien.
ZUSPIELUNG 16 – Frau Overvoice
Mir kommt dort alles so merkwürdig vor: In der Küche läuft die Spülmaschine, auf der Toilette drückt man auf einen Knopf, und es rauschen 10 Liter Wasser herunter, überall brennt Licht, das Internet ist ständig an, vor dem Haus stehen drei Autos und im Kinderzimmer massenweise Spielzeug. Und ich frage mich: was soll das? Wozu brauchen die das alles?
Trotzdem hätten in Tschechien alle Menschen Probleme, fügt Richard hinzu. Manchmal kichert er wie ein Waldschrat leise in sich hinein. Richard ist die männliche Ausgabe von Kamilla. Rotblond, sehnig, Rastalocken. Um den Bauch trägt er einen kleinen Baumwollbeutel. Darin: vier Cent, sein ganzes Vermögen derzeit. Wer gerade etwas Geld hat, besorgt Essen für alle, erklärt er. Die Höhlengemeinschaft zählt derzeit gut 20 Leute. Nehmen sei gut, sagt auch Kamilla und schaut von ihrem Makramé auf. Aber Geben - Geben mache glücklich.
ZUSPIELUNG 17 – Frau Overvoice
Dieses ganze Getue ums Geld – ich hoffe, dass das mal ein Ende hat. Irgendwann werden die Menschen erkennen, dass Geld nur ein Stück bedrucktes Papier ist.
Bislang sieht es nicht danach aus. Die Polizei komme immer öfter, um die Schmuckstände aufzulösen, erzählt Kamilla. Sie vermutet, dass Händler am Ort dahinter stecken. Vielleicht werde sie doch eines Tages von hier weggehen.
ATMO ZIKADEN + BELLEN
Fritz Will ist geblieben. Zum ersten mal war er 1969 in Matala. Im Jahr darauf kam er mit einer Schreibmaschine wieder und richtete sich in einer Höhle ein. In einer Gesellschaft, die seine Steuern in Panzer umwandelte, sagt er, wollte er nicht mehr leben.
ZUSPIELUNG 18 - deutsch
Dieses Matala war ja nicht einfach nur, man hat da nicht nur zusammen gesessen und gekifft, wir haben diskutiert. Es ging über die alten Griechen oder den Anfang des Christentums, Religionsauseinandersezungen, es waren Diskussionen da! Was ich selbst in Berlin in der Form nicht kannte.
In Matala soll Europa auf dem Rücken des in einen Stier verwandelten Zeus an Land gegangen sein. Von Matala ist sie weiter nach Gortys gezogen. Fritz Will ist den Spuren des Mythos gefolgt und hat Kreta auf einem Esel erritten. Wer auf Kreta keine Zeit hat, ist selber schuld, sagt er in seinen Bart hinein. Heute lebt Fritz Will in einem verwinkelten Häuschen, etwa 35 Kilometer von Matala entfernt.
ATMO: Diskus von Phaistos, eklärt…
Will hat sein Leben der minoischen Kultur gewidmet. Er behauptet von sich, das minoische Alphabet entschlüsselt zu haben. Er malt und schreibt und hat von Kreta aus Ausstellungen in Deutschland und Österreich bestritten. Drei Kinder sind hier groß geworden – in dem verwilderten Garten mit dem rustikalen Esstisch, den Fritz Will selbst aus einem Eukalyptusstamm gezimmert hat. Für jemanden, der sein regelmäßiges Einkommen möchte, wäre dieses Leben nichts gewesen, sagt Ilse Will, seine Frau. Aber irgendwie habe es immer gereicht. Oft haben sie bei der Wein- und Olivenernte gearbeitet.
ZUSPIELUNG 19 - deutsch
Es war eine wunderschöne Atmosphäre, dann die erste Frühstückspause, das man gemeinsam am Feld isst, … Und abends bist du dann zufrieden nach Hause gegangen. Es war auch diese Erfahrung, die ich machen wollte. Die Leute hier haben das sowieso nicht so verstanden. Ich glaube, die meisten haben mir gar nicht geglaubt, dass ich Lehrerin bin und dass ich das machen will!
Inzwischen haben die Wills das ganz spartanische Aussteigerleben hinter sich gelassen. Ilse Will unterrichtet wieder – diesmal Deutsch – sie haben ein Auto, eine Spülmaschine und einen gewissen finanziellen Rückhalt. Ilse Will macht Filterkaffee. Ihre Generation sei privilegiert gewesen. Ob sie, wenn sie heute jung wäre, ihren Job aufgeben würde, um ihrer Liebe nach Matala zu folgen, Ilse Will glaubt es kaum.
ATMO ABENDESSEN SPYROS. STIMMEN, SINGEN ETC.
Abends bei Spyros. Um den reich beladenen Tisch auf seiner Terasse sitzt ein gutes Dutzend Freunde. Unter ihnen: Pilo und Jacqueline aus Holland. Die beiden haben sich in Matala kennen gelernt; hier haben sie sich verlobt, und hier haben sie geheiratet. Niemals würden sie ihren Urlaub wo anders verbringen. Matala, sagt Jacqueline, tue ihr wohl wie ein warmes Bad. Im Dämmerlicht der untergehenden Sonne schimmert das Meer silbergrau. Dann löst sich die Horizontlinie auf, Meer und Himmel werden wieder eins. Ein leichter Wind kommt auf, und Jacqueline macht eine große Geste, die die angestrahlten Höhlen von Matala und das lybische Meer umfasst.
ZUSPIELUNG 20 – Frau Overvoice
Matala ist Magie. Einen Sommer sind wir nicht gekommen. Und Matala hat uns so gefehlt! Man hat eben dieses Feeling, oder man hat es nicht. Wer es nicht hat, dem bleibt Matala gleichgültig. Wer das Matala-Feeling aber hat, der wird immer wieder kommen.