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Frankurter Rundschau | 02.08.2006
Der Schattenmann  
Raúl Castro übernimmt vorübergehend Ämter seines kranken Bruders
Raúl war immer nur der andere Castro, der kleine Bruder, der graue Vize hinter dem großen Frauen- und Volkshelden Fidel. Rául war Vize-Staatschef, Vize-Parteichef, Vize-Vorsitzender des Staatsrats. Nur Minister ist er ohne Vize. Verteidigungsminister, und das seit Jahrzehnten. Der 75-Jährige Raúl, Stellvertreter seines Bruders in allen Ämtern und Funktionen war fast 48 Jahre der Schattenmann. Und nun steht er plötzlich und unerwartet im Licht. Als Oberbefehlshaber der Streitkräfte, als Partei- und vor allem als Staatschef Kubas. Und noch weiß niemand, wie lange. Denn wie schwer die Erkrankung von Fidel Castro ist, bleibt vorerst ein Geheimnis.

Seit frühester Jugend stand Raúl hinter Fidel. Und die Geschichte der kubanischen Revolution ist mit seinem Namen genauso eng verbunden wie mit dem des großen Revolutionsführers Fidel. Am 26. Juli 1953 stürmte Raúl gemeinsam mit seinem Bruder die Moncada-Kaserne, gemeinsam gingen sie dafür ins Gefängnis, heckten im mexikanischen Exil den Sturz des Diktators Fulgencio Batista aus und kämpften in der Sierra Maestra zusammen bis zum Sieg der Revolution in der Silvesternacht 1959.

Raúl war nie ein Sympathieträger, kein Volkstribun wie sein Bruder. Er hat weder sein gutes Aussehen, noch seine Ausstrahlung oder seine rhetorischen Fähigkeiten. Raúl gilt als Hardliner, als „Stalinist“. Unter den Anführern der Revolution war er als beschränkt, kompromisslos und unflexibel bekannt, schreibt der Autor Volker Skierka über Raúl in seiner Fidel-Castro-Biografie. „Die Leute haben ihm deshalb den Spitznamen ‚El casquito’, das Helmchen verliehen“. Aber hinter Raúls unvorteilhaftem Aussehen und oftmals ungeschickten Auftreten verberge sich „eine Persönlichkeit von hohem Organisationstalent und eiserner Disziplin“, ergänzt Skierka.

Als Verteidigungsminister kontrolliert Raúl Castro bedeutende Teile der kubanischen Wirtschaft, denn wichtige Staatsunternehmen im Tourismus, dem Nickelbergbau und der Zuckerindustrie gehören der Armee. Trotz seiner ideologischen Härte hat er immer wieder pragmatische Seiten gezeigt. So setzte er gegen seinen Bruder Anfang der 90er Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die vorsichtige Zulassung privater Wirtschaftsaktivität in Form der Bauernmärkte durch, um eine Hungersnot auf der Karibikinsel zu vermeiden. „Bohnen sind wichtiger als Gewehre“, sagte er damals. Raúl gilt als Befürworter einer vorsichtigen Öffnung chinesischer und vietnamesischer Prägung beschrieben, was auch an seinen häufigen Reisen in diese Länder liegt.

Raúl wird am 3. Juni 1931 in Birán in der Provinz Holguín als Sohn spanischer Einwanderer geboren. Zu dem Zeitpunkt ist sein Bruder Fidel schon fast fünf Jahre alt. Von Anfang an ist Raúl der kleine Bruder Fidels, dem er auf Schritt und Tritt folgt. Er studiert Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, bringt es aber nicht zu einem Abschluss, weil er vorher aus Kuba fliehen muss.

Bereits kurz nach dem Sieg der Revolution wird Raúl Verteidigungsminister, und seitdem ist er die graue Eminenz, der Stippenzieher und einer der wichtigsten Ratgeber seines Bruders. Er tritt sehr selten in der Öffentlichkeit auf und scheut sie fast. In Kuba kursieren immer wieder Gerüchte, Raúl sei in der Bevölkerung unbeliebt und daher als ein potenzieller Nachfolger Fidels schwer durchsetzbar.

Anders als sein Bruder ist Raúl ein Familienmensch. Er ist seit langem mit Vilma Espin verheiratet, ebenfalls Kämpferin aus der Sierra Maestra, und heute Vorsitzende der kubanischen Frauenvereinigung. Raúl, seine Frau und die vier Kinder haben den Ruf, bescheiden geblieben zu sein. Sie pflegen das Familienleben und führen eine Art Musterleben als Revolutionsfamilie, die sich ganz der Fortentwicklung der Revolution gewidmet hat.